Nachhaltige Nachbarschaft – Ehemaliger Reiterhof wird zum Quartierswohnzimmer

Nachhaltige Nachbarschaft – Ehemaliger Reiterhof wird zum Quartierswohnzimmer

Engagement des Monats Februar 2024

Es ist ein 500 Jahre alter Hof, auf dem sich das Quartier trifft, Kochabende und Feiern veranstaltet, Workshops und Vorträge besucht. Ein Ort des Zusammenkommens und der Gemeinschaft – der Branderhof in Aachen. Doch das war nicht immer so: Als der ehemalige Reiterhof 2013 plötzlich leer stand, verwahrloste er nach und nach. Bis eine Gruppe engagierter Bürgerinnen und Bürger dem Hof wieder Leben einhauchte, einen Verein gründete, der heute mehr als 500 Mitglieder zählt.

Früher trappelten hier Pferde über den Innenhof, heute trifft sich hier die Burtscheider Nachbarschaft. Seit acht Jahren belebt der Verein Gut! Branderhof in Eigenregie einen stark sanierungsbedürftigen ehemaligen Reiterhof im Aachener Stadtviertel Burtscheid. Er „rettete“ damit das Gehöft vor dem Verfall und schuf mit viel Engagement und Muskelkraft einen einzigartigen Ort der Begegnung für ALLE im Quartier. Über 500 Mitglieder hat er inzwischen, über 800 Nachbarn haben den vereinseigenen Newsletter abonniert, über 300 Veranstaltungen finden schon jetzt auf dem Hof statt.

Die Veranstaltungen sind so bunt wie die Nachbarschaft selbst. Bei den GERDAs (gerne da) wird einmal pro Monat gemeinsam gekocht und gegessen, in der „Kleinen Hofschule“ lernen die Nachbarn voneinander. Die „ReferentInnen“ sind Menschen aus dem Quartier, die etwas Besonderes können, wissen oder erlebt haben. So z.B. ein Kriminalhauptkommissar, der aus seinem Berufsalltag erzählt, oder einer leidenschaftlichen Igelfreundin, die hilfreiche Tipps für die Überwinterung der bedrohten Tiere an die Nachbarn weiter gibt. Bei den Konzerten im Innenhof hörten allein im vergangenen Jahr hunderte Menschen begeistert zu. 

Video

Engagement des Monats Februar 2024: Gut! Branderhof e.V.

01:35 Minuten

Getragen von der Idee der „nachhaltigen Nachbarschaft“ hat der Verein de n Hof für die Menschen im Viertel zu einer Art zweitem Zuhause gemacht. „Die Möbel, das Geschirr, alles, was hier in den Regalen steht, haben Menschen aus dem Viertel gespendet. Jedes Vereinsmitglied kann hier ganz einfach und unkompliziert eigene Angebote machen. Wer eine Idee hat, legt einfach los“, schwärmt Ingeborg Haffert, die Vorsitzende des Vereins. Das sei das Besondere am Branderhof. Auch die regelmäßig stattfindenden Formate unterstreichen die Idee der “nachhaltigen Nachbarschaft”. Angefangen haben diese damals mit einem einfachen Nachbarschaftsfrühstück. Mittlerweile finden sich zum Beispiel Spazierfahrten für mobilitätseingeschränkte Mitbürger im Angebot wieder. Durchgeführt natürlich mit der hofeigenen Riksha. Währenddessen entsteht im Untergeschoss des alten Gutshauses eine Kreativwerkstatt, um Upcycling Projekte und Reparaturen umsetzen zu können. 

Ingeborg Haffert ist von Anfang an dabei. „Der Branderhof war immer ein öffentlicher Ort. Auf dem alten Reiterhof war jeder willkommen. Man konnte beim Reiten zuschauen, in die Pferdeställe gehen. Kleingärtner von nebenan holten sich hier Mist für ihre Beete. Wir wollten, dass das Hoftor offen bleibt. Dass es ein Treffpunkt, ein Ort der Begegnung bleibt.“ 

Und so nahmen sich 2016 einige Nachbarn ein Herz und fuhren zum Immobilienmanagement der Stadt. „Ohne Termin sind wir einfach hingefahren, haben an der Tür geklopft und gesagt, dass wir den alten Hof gerne wiederbeleben und zu einem lebendigen Ort fürs Viertel machen möchten.“ Die Stadt unterstützte die Nachbarschaft von Anfang an und übergab ihr kurz darauf auch die Schlüssel für das sanierungsbedürftige Gebäude. Dieser Moment war die Geburtsstunde für das heutige Nachbarschaftszentrum am Branderhof.

Dann wurde wochenlang gehämmert und geschraubt. Geputzt und gestrichen, eine provisorische Wasser- und Stromleitung verlegt. Alle packten mit an, um das heruntergekommene Gut in einen einigermaßen gemütlichen Treffpunkt zu verwandeln.  „Es war erstmal viel Arbeit, aber die hat uns Nachbarn auch zusammengeschweißt. Es war zwar alles provisorisch, aber genau dieses Unperfekte hat uns auch alle angezogen“. Von 2015 bis 2023 nutzte der Verein den sanierungsbedürftigen Hof für unzählige Veranstaltungen, alle initiiert von der Nachbarschaft. Das Engagement steckte an, der Verein wurde immer größer, bekam immer mehr Aufmerksamkeit, so dass der Hof nun mit Hilfe von Fördergeldern des Landes Nordrhein-Westfalen saniert wird. Die Bauarbeiten sind bereits in vollem Gang.

Für die Zeit der Sanierung kommt der lebendige Nachbarschaftsverein jetzt bei einem seiner Kooperationspartner, der Arbeiterwohlfahrt im selben Viertel, unter.  Dort kann er die meisten Projekte und Veranstaltungen erstmal weiter führen. Der alte Heuboden im Pferdestall wird gerade zu einem großen Saal für Nachbarschaftsfeste, für Kino und Seminare umgebaut. Unten, wo die Pferde in ihren Boxen standen, entsteht eine Art Gemeinschaftswerkstatt. Anschließend wird im über 500 Jahre alten Gutshaus das alte Quartierswohnzimmer saniert und aufgemöbelt. Die Energieversorgung erfolgt komplett über eine Wärmepumpe. Eine vereinseigene Photovoltaikanlage, für die gerade Spenden gesammelt werden, soll der Nachhaltigkeit dienen und die Betriebskosten für das Projekt senken. 

Ziel des Vereins ist es, dass sich auf Gut Branderhof auch nach dem Umbau weiterhin Menschen aller Altersgruppen und Kulturen treffen. Es soll ein inklusives Nachbarschaftszentrum werden. Hier sollen nicht nur regelmäßige kulturelle, gemeinschaftsfördernde und bildungsorientierte Veranstaltungen stattfinden. Auch sollen sich hier andere Vereine aus dem Quartier treffen können, die die Idee einer nachhaltigen Nachbarschaft unterstützen möchten.

Auf den Freiflächen um den Hof, dort wo früher u.a. die Reithalle stand, entsteht gerade ein generationenübergreifendes, inklusives Wohnprojekt. Hier haben sich Baugruppen - allesamt genossenschaftlich organisiert - zusammen getan, die schon jetzt eng mit dem Verein zusammenarbeiten.

Nicht nur für die Menschen aus der Nachbarschaft ist der Branderhof ein Ort des Willkommens. Er lädt auch Menschen von außerhalb ein. „Wir brauchen solche offenen und guten Orte, wo man nichts braucht außer den Mut, dorthin zu gehen.“ Genau so ein Ort möchte der Branderhof für die Menschen sein. Und beim allmonatlichen Branderhofer Jugendtreff läuft sich schon die nächste Generation warm für eine nachhaltige Nachbarschaft. 

Im Rahmen der Nominierung für den Engagementpreis NRW erhält das Projekt als Dank und Anerkennung 1000 Euro. Der Verein möchte das Geld direkt in die Ausstattung des Hofes investieren. Vielleicht direkt in die Photovoltaikanlage auf dem Dach des alten Pferdestalls.