Zwischen Büchern, Bingo und Begegnungen: Die Bücherei Friedrichsfeld als “dritter Ort”

Zwischen Büchern, Bingo und Begegnungen: Die Bücherei Friedrichsfeld als “dritter Ort”

Engagement des Monats Dezember 2026

In der Bücherei Friedrichsfeld geht es längst nicht mehr nur um Bücher. Zwischen Regalen, Kaffeeduft und Spieltischen ist ein lebendiger Treffpunkt für Jung und Alt entstanden. Ehrenamtliche schaffen hier Begegnungen, bringen Menschen ins Gespräch und öffnen besonders in stillen Stunden eine Tür gegen die Einsamkeit. 

Auf den Tischen liegen Zettel, kleine Hinweise und rätselhafte Gegenstände. Zwei Gruppen durchstreifen suchend die Bücherei. Jugendliche beugen sich über Aufgaben, ältere Teilnehmende beraten sich daneben. Einige kennen sich, viele begegnen sich an diesem Abend zum ersten Mal. Doch niemand bleibt lange allein.

Für einen Abend wird die Bücherei Friedrichsfeld zum Escape Room. 16 Menschen knobeln, tauschen Ideen aus und kombinieren Hinweise. Das Rätsel erweist sich als zäh. Selbst nach zwei Stunden bleibt die Lösung aus. Am Ende klärt das Organisationsteam auf. Enttäuscht ist kaum jemand. Die Teilnehmenden gehen lachend nach Hause und wünschen sich eine Wiederholung.

Für Roswitha Risthaus, die das Projekt ehrenamtlich mitgestaltet, war dieser Abend ein besonderer Moment. „Wir haben Alt und Jung wunderbar zusammengebracht“, sagt sie. Menschen, die vorher nie miteinander gesprochen hatten, bildeten spontan Teams. Für die Organisatorinnen war das der Lohn vieler Stunden Vorbereitung. 

Eine Bücherei wird zum dritten Ort 

Die Bücherei liegt am Marktplatz von Friedrichsfeld, einem Stadtteil von Voerde mit knapp 12.000 Einwohnern. Altenheim, Kindergärten und Grundschulen sind in der Nähe. Die Lage passt zur Vision, die Kerstin Schulz und Roswitha Risthaus seit Jahren verfolgen: Die Bücherei soll ein „dritter Ort“ sein – ein Platz neben Zuhause und Arbeit oder Schule, an dem Menschen ohne Hürden zusammenkommen. 

Kerstin Schulz arbeitet seit 2012 in der Bücherei – im gleichen Jahr gab die Stadt die Stadtteilbüchereien auf. Seitdem trägt ein Förderverein die Bücherei Friedrichsfeld. Ein jährlicher Zuschuss reicht für den klassischen Ausleihbetrieb. Kerstin Schulz übernahm 2014 die Leitung der Bücherei und entwickelt neue Projekte. Roswitha Risthaus beantragt regelmäßig Fördermittel für die Umsetzung. Räume wurden umgestaltet, Angebote getestet und neue Begegnungen ermöglicht, damit die Vision des “dritten Ortes” Realität wird. 

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01:37 Minuten

Kaffee zwischen Regalen

In der Bücherei stehen heute mehrere Tische und gemütliche Cocktailsessel, gespendet von einem örtlichen Spediteur. Ein alter Buffetschrank beherbergt Kaffeemaschine, Getränke und Plätzchen. Gegen eine Spende können Besucher Platz nehmen, erzählen oder einfach verweilen. Während Erwachsene bei einer Tasse Kaffee plaudern, stöbern Kinder in der Bücherecke. Manche kuscheln sich mit einem Buch in einen Sessel, die Kleinsten spielen an einer Kinderküche. Am Nachmittag füllt sich die Bücherei mit Familien. Einmal im Monat lädt das Team zum „Büki-Treff“ mit Bilderbuchkino und Vorlesen ein. 

Aus einer ersten Kinderautorenlesung entstand ein ganzes Jahresprogramm. Heute gehören Lesungen für Erwachsene, Quizrunden, Spielenachmittage, Bingo, Comedyabende und Workshops dazu. In den dunklen Monaten öffnet die Bücherei einmal im Monat auch sonntags. Bis zu 70 Menschen finden bei Lesungen Platz, bei Spielenachmittagen sind es rund 30. 

Gerade diese Nachmittage zeigen, wie Begegnungen wachsen. Manche kommen zunächst allein, verabreden sich später und fragen gemeinsam nach dem nächsten Termin. Auch beim ersten großen Quiz bildeten sich spontan Gruppen. Es wurde beraten, gelacht und mitgefiebert. 

Eine offene Tür in stillen Stunden 

Die Sonntagsöffnungen richten sich besonders an Menschen, die an diesem Tag allein zu Hause sitzen. In Friedrichsfeld ist es dann oft still. Geschäfte bleiben geschlossen, zufällige Begegnungen beim Einkaufen entfallen. Roswitha Risthaus weiß, wie unscheinbar Einsamkeit beginnt. „Es fehlt einfach jemand zum Reden“, sagt sie. Die Bücherei bietet ihnen einen Anlass, die Wohnung zu verlassen. Hier können sie reden, spielen oder an Veranstaltungen teilnehmen. 

Besonders die Bewohner des nahe gelegenen Seniorenheims möchte das Team stärker einbinden. Dafür gibt es Bingo, Erzählcafés und Frühstückstreffen. Thematische Angebote erleichtern den Einstieg ins Gespräch. Doch viele ältere Menschen brauchen Begleitung für den Weg. Das Büchereiteam wünscht sich deshalb Ehrenamtliche, die Bewohner abholen und zu den Angeboten begleiten.

Viel Arbeit auf wenigen Schultern 

Dass die Bücherei so viel anbieten kann, verdankt sie einem Netzwerk aus Ehrenamtlichen. Viele sind über 70, einige sogar über 80 Jahre alt. Sie halten die Ausleihe am Laufen, nehmen Bücher zurück und unterstützen Veranstaltungen. Doch das Team braucht Verstärkung. Vor allem im Bereich Social Media fehlt Erfahrung. Die Bücherei ist auf Facebook und mit einer Homepage vertreten, doch um jüngere Zielgruppen zu erreichen, wären weitere Kanäle hilfreich. 

Zuletzt meldete sich erstmals seit Jahren jemand von selbst, um einen Workshop anzubieten. Solche Impulse wünscht sich das Team häufiger. Ideen aus der Bevölkerung gibt es viele, doch oft bleibt die Erwartung, dass Kerstin Schulz und Roswitha Risthaus auch die Umsetzung übernehmen. 

Neue Ideen für Friedrichsfeld 

Für die Zukunft gibt es konkrete Pläne. Die Kinderecke soll umgestaltet werden. Neue Spiele für ältere Menschen und Menschen mit Beeinträchtigungen stehen ebenfalls auf der Wunschliste. Die Bücherei soll barrierefrei und einladender werden. 

Ein größerer Traum trägt den Titel „Eine Lesung für jedes Kind“. Dafür möchte die Bücherei Sponsoren gewinnen. Über ein Jahr hinweg könnte jeden Monat eine andere Gruppe eine Lesung, einen Bildervortrag oder eine Comedy-Veranstaltung erleben. Auch Fundraising und die Ansprache örtlicher Unternehmen sollen 2027 stärker in den Fokus rücken. 

Die Nominierung für den Engagementpreis NRW 2026 ist für die Bücherei Friedrichsfeld Anerkennung und Ansporn zugleich. Sie zeigt, was Ehrenamtliche mitten im Stadtteil geschaffen haben: einen Ort, an dem Menschen nicht nur Bücher finden, sondern Gespräche, Erlebnisse und manchmal neue Freundschaften. Einen Ort, an dem niemand lange allein bleibt.