Begegnen, bewegen, verbinden – Wunschgroßeltern gegen Einsamkeit

Begegnen, bewegen, verbinden – Wunschgroßeltern gegen Einsamkeit

Engagement des Monats April 2026

Wenn ein Kind fragt, warum es keine Oma hat, trifft das ins Herz. Im Kreis Lippe sorgt ein ehrenamtliches Projekt dafür, dass solche Fragen nicht unbeantwortet bleiben. „Wunschgroßeltern“ bringt Generationen zusammen und schenkt Zeit, wo sie am meisten fehlt. 

An einem grauen Vormittag klingelt eine Wunschoma an der Tür. Drinnen wartet ein Grundschulkind mit einem gemalten Bild. „Für dich“, sagt es leise. Die Wunschoma setzt sich, hört zu, lacht, liest aus einem Buch vor. Später gehen beide zum Spielplatz. Für Außenstehende wirkt es wie ein normales Treffen zwischen Enkel und Großmutter. Und genau das ist es – nur dass diese Beziehung durch Engagement, nicht Verwandtschaft, entstanden ist. 

Hilfe direkt in den eigenen vier Wänden 

Hinter diesen Begegnungen steht der Familienservice SPROSS, ein Angebot der DRK-Jugendhilfe und Familienförderung in Lippe gGmbH, in Kooperation mit dem Kreis Lippe. Alexandra Krutsch und Lara Ostermann koordinieren das Angebot und begleiten das Projekt „Wunschgroßeltern”.

Die Idee entstand durch die Arbeit des Familienbesuchsdienstes, der seit vielen Jahren Familien mit Neugeborenen im Kreis besucht. Jede Familie erhält ein Glückwunschschreiben vom Landrat und das Angebot eines kostenlosen Hausbesuchs. Neun Besucherinnen sind unterwegs. Über die Hälfte der Familien nehmen das Angebot an. Die Beratung kommt ins Wohnzimmer. Es geht um Alltag mit Kindern, Unterstützung, Orientierung. 

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01:45 Minuten

Wenn Großeltern fehlen

Bei diesen Besuchen zeigt sich oft, was fehlt: der Rückhalt durch Großeltern, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Kindererziehung, Betreuung. „Familien greifen oft auf den Rat der Großeltern zurück“, erzählt Krutsch. Doch nicht immer gibt es diese Großeltern. Manche wohnen weit weg, sind berufstätig, pflegebedürftig oder schlicht nicht da. 

Die Folgen spüren auch die Kleinsten. Krutsch erinnert sich an ein Gespräch: „Eine Mutter erzählte, dass ihr Kind fragte, warum alle Kinder von Oma und Opa abgeholt werden – das Kind aber nicht.“ Solche Momente berühren. „Wenn die Kleinsten spüren, dass ein Platz im Leben nicht besetzt ist, macht das traurig.“ Es zeigt auch Einsamkeit trifft beide Seiten.

Eine Idee wird Realität 

2017 zog das Team Konsequenzen. Das Projekt „Wunschgroßeltern“ entstand. Ziel: ältere Menschen mit Familien zusammenbringen. Nicht als Babysitter, sondern als verlässliche Bezugspersonen, als familiäre Begleitung, als Teil des Alltags. 

Heute sind 30 Wunschgroßeltern aktiv. Einige begleiten „ihre“ Familien seit der Gründung. 46 Familien stehen auf der Warteliste. Der Bedarf ist groß, die Nachfrage größer als das Angebot. 

Sicherheit, Vertrauen und gute Fügungen

Bevor eine Wunschoma oder ein Wunschopa vermittelt wird, lernen die Koordinatorinnen die Ehrenamtlichen kennen. Beweggründe werden besprochen. Ein erweitertes Führungszeugnis ist Pflicht. Schulungen zu Entwicklungsphasen von Kindern, Aufsichtspflicht, Erste Hilfe, Versicherung im Ehrenamt, Kinderschutz und Kinderrechten sorgen für Sicherheit. Regelmäßige Treffen fördern Gemeinschaft. 

Dann beginnt das Matching. Wer passt zu wem? Wohnt man in der Nähe? Traut sich jemand eher Babys zu oder lieber Grundschulkinder? Beim ersten Kennenlernen sind die Koordinatorinnen dabei. Danach ziehen sie sich zurück. „Am Ende entscheiden Großeltern und Familien, ob die Chemie stimmt“, erklärt Krutsch. Passt es nicht, wird neu gesucht. Konflikte sind selten, aber möglich. Dann vermittelt das Team. 

Eine besondere Verbindung fürs Leben

Es entstehen oft Beziehungen fürs Leben. Wunschgroßeltern werden zu Geburtstagen eingeladen, zur Einschulung. „Das ist ein klares Signal: Du gehörst zu unserer Familie“, sagt Krutsch. Für viele Senioren ist das eine enorme Wertschätzung. Auch sie profitieren. „Es ist eine unglaubliche Bereicherung“, beschreibt Krutsch. 

Familienservice mit Herz

Das Projekt lebt von Mundpropaganda, vom Netzwerk im Kreis Lippe, von Terminen in Seniorentreffs. Als Angebot des Familienservice SPROSS der DRK-Jugendhilfe und Familienförderung in Lippe gGmbH und dem Kreis Lippe stehen keine weiteren Fördermittel zur Verfügung. Öffentlichkeitsarbeit kostet Zeit und Kraft. Doch für das Team ist es eine Herzensangelegenheit. „Sobald wir sehen, dass eine Familie vermittelt wurde, wissen wir, dass wir alles richtig gemacht haben“, sagt Krutsch. 

Langfristig soll „Wunschgroßeltern“ fester Bestandteil des Familienservices bleiben. Die Vision ist klar: möglichst viele Familien vermitteln, Einsamkeit früh begegnen, Generationen verbinden. Das Konzept ist übertragbar – auch auf andere Regionen. 

Nominierung für Engagementpreis NRW 2026 und Projektentwicklung

Die Nominierung für den Engagementpreis NRW 2026 bedeutet dem Team viel. „Gewonnen haben wir ja bereits mit jeder einzelnen Vermittlung“, sagt Krutsch. „Was wir jetzt zusätzlich gewinnen, ist Aufmerksamkeit.“ Und genau die braucht das Projekt, um weiter zu wachsen. Die 1.000 Euro Nominierungsprämie sollen in Veranstaltungen, Fortbildungen und Öffentlichkeitsarbeit fließen. 

Am Ende ist es einfach – und doch wirkungsvoll. „Letztendlich schenken sie Zeit“, sagt Krutsch über die Wunschgroßeltern. „Zeit ist das Wertvollste und kostet gleichzeitig nichts.“