The Running Moms: Wo Mütter Bewegung und Gemeinschaft finden
Engagement des Monats Juli 2026
Nach Feierabend, zwischen Job, Kinderbetreuung und vollen Terminkalendern, schnüren sie die Laufschuhe. Mal joggen sie, mal walken sie, mal spazieren sie und reden. Bei den Running Moms zählt nicht die Bestzeit, sondern Zeit für sich, Gemeinschaft und das gegenseitige Sehen. Aus einer Instagram-Idee entstand eine Lauf-Community, die Mütter verbindet und zeigt: Perfektion ist keine Voraussetzung, um loszulaufen.
Dienstagabend in Hamm. Auf einem Parkplatz treffen sich Frauen in Sportkleidung. Es wird gelacht, gefragt, wer welche Strecke läuft. Die Schnellen starten vorne, die Gemütlicheren folgen. Nach 2,5 Kilometern kehren alle um. Irgendwo begegnen sie sich wieder. Niemand muss sich beweisen, niemand bleibt zurück.
Im Sommer stehen sie nach dem Lauf noch zusammen, ein alkoholfreies Bier in der Hand, Gespräche in der Luft. Für viele ist dieser Abend mehr als Sport – ein fester Termin in der Woche. „Ein Mädelsabend mit Bewegung“, sagt Gründerin Eileen Rogge.
Von der Spendenaktion zur Community
Die Running Moms gibt es seit 2019. Sie entstanden aus der Spendenaktion „Bewegung hilft“ in Haltern am See. Rogge meldete sich zunächst allein an, bis eine Freundin vorschlug, als Gruppe teilzunehmen. Firmen sollten gesammelte Kilometer in Spenden umwandeln. Rogge schrieb Frauen über Instagram an, der Name war schnell gefunden: The Running Moms.
Mehr als 100 Frauen machten mit. Die Gruppe hat den Preis für die meisten Kilometer und die größte Teilnehmerzahl gewonnen. Für Eileen Rogge war das der Startschuss. Die ersten Frauen gründeten eine WhatsApp-Gruppe und legten ein Instagram-Profil an.
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Gemeinsam laufen, auch wenn jede für sich startet
Dann kam Corona. Persönliche Treffen wurden schwierig, doch die Running Moms blieben digital verbunden. Das Orga-Team sah, wie virtuelle Spendenläufe überall aufkamen, und wagte es selbst. Ohne Vereinsstruktur, ohne Erfahrung. Sie bestellten Medaillen, richteten Anmeldewege ein und organisierten ihren ersten virtuellen Lauf.
Frauen meldeten sich an, liefen am selben Tag – jede für sich und doch gemeinsam. Auf Instagram entstand eine virtuelle Laufparty. Story um Story zeigte: Frauen laufen los. Allein auf ihrer Strecke, verbunden im Gefühl. „Das hat uns Halt gegeben“, sagt Rogge.
Vom Instagram-Profil auf die Laufstrecke
2021 wurde aus der digitalen Gemeinschaft ein echter Lauftreff in Hamm. Beim ersten Treffen im Juni kamen über 30 Frauen. Unterschiedliche Tempos und Fitnesslevel fanden schnell eine Struktur: Gruppen, Verantwortliche, ein klares Versprechen – niemand wird abgehängt.
Heute gibt es sechs Lauftreffs: in Hamm, Salzgitter, Paderborn, Selm, Bergkamen und im Vogtland. Dazu kommt die digitale Community auf Instagram mit mehr als 4.200 Followern. Acht Frauen organisieren ehrenamtlich Aktionen, Social Media und Partnerschaften. Einige gründeten neue Lauftreffs, andere bauten Standorte auf.
Ein Raum ohne Druck
Das Besondere: die niedrige Schwelle. Keine Mitgliedsbeiträge, keine Vereinsbindung, keine Verpflichtung, jede Woche zu kommen. Wer Zeit hat, kommt. Wer nicht kann, pausiert. Das passt zum Leben vieler Mütter, deren Alltag aus Kindern, Beruf, Haushalt und Terminen besteht. Zeit für sich bleibt oft auf der Strecke – ein niederschwelliger Zugang zu echten Gemeinschaften ebenso.
Rogge kennt das. Sie erzählt, wie sie sich selbst lange vergaß. Erst als ihre Tochter neun Jahre alt war, begann sie zu laufen. „Ich habe selbst nicht unter Einsamkeit gelitten, aber ich habe gesehen, wie viel Kraft in echter Gemeinschaft steckt. Man muss nicht erst einsam sein, um sie zu brauchen, aber genau diese Gemeinschaft kann verhindern, dass Einsamkeit überhaupt entsteht und hilft vielen Frauen, sich weniger allein zu fühlen.“
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Wenn aus Mitlaufen Freundschaft wird
Viele Mütter erleben eine eher „stille“ Einsamkeit im Alltag, berichtet Eileen Rogge. Sie haben wenig Zeit für soziale Kontakte, den Austausch auf Augenhöhe mit anderen Frauen und durch die Herausforderungen des Alltags oftmals das Gefühl von Einsamkeit, obwohl sie ständig von Menschen umgeben sind.
In Hamm sind rund 32 Frauen im Chat. Nicht alle kommen jede Woche, doch die Verbindung bleibt. Als Eileen Rogge ihre Küche renovierte, bat sie in der Gruppe um Hilfe. Mehrere Frauen mitsamt ihren Männern standen an einem Samstag vor der Tür und packten an. Aus einem Lauftreff wurde ein Netzwerk, das auch im Alltag trägt.
Besonders spürbar wurde das bei Caro aus Bayern. Sie erkrankte an Leukämie. Während der Chemo liefen andere für sie. Die Community nutzte einen Hashtag, bedruckte T-Shirts und nahm Caro symbolisch mit zu einer Staffel in Hamburg. Später wurde sie zur „Mom des Jahres“ gewählt. „Das war eine sehr berührende Zeit“, sagt Rogge.
Laufen für andere
Soziales Engagement gehört fest zu den Running Moms. Sie organisieren Spendenläufe und unterstützen gemeinnützige Projekte. In Hamm gibt es jährlich einen Nikolauslauf im Maximilianpark. Die Stadt hilft bei der Anmeldung, den Rest stemmen die Frauen selbst.
Auch anderswo entstehen Aktionen. Im Vogtland sammelten sie 1.500 Euro bei einem Nikolauslauf. Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal kamen 3.350 Euro für zwei Hilfsorganisationen zusammen. In Hamm gingen Spenden an das Frauenhaus und den Kinderhospizdienst.
Wachstum durch Engagement
Die Initiative arbeitet ohne feste Förderung. Kosten für Werbematerial, Drucksachen oder die Markenanmeldung trägt Eileen Rogge privat. Das Orga-Team arbeitet ehrenamtlich. Eine Vereinsgründung wäre möglich, passt aber nicht zum Charakter der Community. Die Running Moms wollen flexibel bleiben.
Doch das birgt Herausforderungen. Wer mehr Frauen erreichen will, braucht Unterstützung. Rogges größter Wunsch: mehr Helferinnen, mehr Mütter, die Verantwortung übernehmen.
Langfristig wollen sie wachsen, aber nicht um jeden Preis. Bestehendes soll stabil bleiben. Neue Standorte entstehen nur, wenn engagierte Mütter sie tragen. Das Konzept ist einfach: kein Verein, keine Verpflichtungen, digitale Vernetzung und echte Treffen.
Die Nominierung als Sichtbarkeit
Die Nominierungsprämie für den Engagementpreis NRW 2026 wollen die Running Moms spenden. Der Empfänger steht noch nicht fest, soll aber lokal, sozial und frauen- oder kinderbezogen sein. Sollten sie einen der mit 5.000 Euro dotierten Preise gewinnen, wird das Geld auf mehrere Lauftreffs verteilt. „Wir haben nichts. Wir behalten nichts“, sagt Rogge.
Die Nominierung bedeutet vor allem Sichtbarkeit. Sie zeigt, wie aus einer Instagram-Gruppe ein starkes Netzwerk wurde – eines, das Mütter bewegt, Begegnungen schafft und Verbindungen wachsen lässt.