Rock am Turm: Wo Musik laut gegen Hass spielt und Ehrenamt die Bühne rockt
Engagement des Monats September 2025
Wenn eine Gemeinde zum Festival wird: In Coesfeld wird jedes Jahr ein Parkplatz zur Bühne für Toleranz, Vielfalt und unermüdliches Engagement. "Rock am Turm" ist ein Festival – aber eigentlich ist es viel mehr. Es ist ein Statement. Es ist ein gelebter Gegenentwurf zu Extremismus. Es ist eine Einladung an alle – kostenlos, bunt und laut.
Die Sonne knallt auf den Asphalt des riesigen Parkplatzes an der alten Diskothek „Fabrik“. Vor der Bühne stehen Kinder mit übergroßen Gehörschützern, daneben Eltern mit Sonnenbrillen und einem kalten Getränk in der Hand. In der Ecke tobt eine Kinderschminkaktion, Pommesduft liegt in der Luft. Auf der Bühne stimmen gerade „HEAVYSAURUS“ ihre Gitarren, das Publikum jubelt. Es ist Samstag, Familientag bei „Rock am Turm“. Und es fühlt sich ein bisschen an wie ein riesiges, friedliches Klassentreffen mit guter Musik.
Ein Festival gegen das Vergessen – und für die Jugend
Entstanden ist das Festival 2001 – nicht als Partyidee, sondern als Reaktion auf Rechtsextremismus. Damals gab es eine Förderaktion in NRW: Für jede Kommune, die etwas gegen Rechts unternahm, gab es Fördergelder. „Da haben wir gesagt, okay, das ist mal die Möglichkeit, uns aktiv zu beteiligen“, erinnert sich Matthias Otten-Ebbert, einer der Festival-Gründer und heute Veranstaltungsleiter. „Und da wir alle eine Affinität zur Musik hatten, war schnell klar: Wir machen ein Festival.“
500 Euro gab’s damals von der Stadt – viel zu wenig, aber „irgendwie hat das geklappt“, sagt Otten-Ebbert. Das erste „Rock am Turm“ fand auf dem Schulhof der Grundschule statt. Der Turm der Gemeinde war in Sichtweite, daher der Name. „Damals war Rock am Turm noch die große Hausnummer, heute brauchen Festivals abgefahrene Namen“, sagt Otten-Ebbert und lacht. Doch trotz der bescheidenen Anfänge: Die Idee hatte Kraft. Und sie ist geblieben.
Engagement des Monats August 2025: Rock am Turm
Von der Scherbe im Sand zur Bühne für Tausende
Das erste Festival dauerte einen Nachmittag, alles musste picobello sein, wenn die Schule am Montag wieder begann. Der Hausmeister öffnete das Tor, das Team baute auf. Am Sonntagabend war alles wieder weg – und keine einzige Scherbe durfte im Sand liegen.
Was als Improvisation begann, wuchs mit jedem Jahr. Neun Jahre lang wurde der Schulhof jedes Jahr zur Bühne. Irgendwann wurde es logistisch zu eng. „Aufbauen geht immer. Aber abbauen ist die wahre Herausforderung“, erklärt Otten-Ebbert. Und die Zeit bis zum Schulbeginn am Montagmorgen wurde bei der stetig wachsenden Größe zu knapp.
Ein Glücksfall: Die Betreiber der „Fabrik“, einer alternativen Disco mit eigener Infrastruktur, boten ihre Parkfläche an. Seither findet „Rock am Turm“ dort statt – mit professioneller Technik, mehr Raum und weniger Stress beim Auf- und Abbau.
Ein Festival für alle – kostenlos und bunt
Seit dem Umzug ist das Festival zweitägig. Freitag geht’s los – gerne rockiger, mit verschiedenen Rock- und Metal-Acts. Samstag steht dann ganz im Zeichen der Familie. Es gibt einen Familiennachmittag mit Hüpfburgen, Kinderschminken, Musik und Popcorn. Für Kinder gibt’s ermäßigte Getränkepreise. Auch Pommes und Currywurst bleiben bezahlbar.
Das Festival will bewusst niedrigschwellig sein. Der Eintritt ist frei. „Wir wollen, dass jeder kommen kann, egal ob viel oder wenig Geld“, erklärt Otten-Ebbert. Finanziert wird das Ganze über Spenden, Sponsoring, Tombola – und ganz viel Idealismus. Dank guter Kontakte und viel Überzeugungsarbeit werden Gagen auf ein Minimum gedrückt, manche Bands spenden Merch-Artikel für die Tombola.
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100 Ehrenamtliche, 1 Idee, unzählige Geschichten
Hinter dem Festival steht kein großer Veranstalter – sondern ein Freundeskreis. Heute umfasst das Orga-Team rund 16 Menschen, an den Festivaltagen helfen über 100 Ehrenamtliche. Vom Zapfen bis zum Ordnerdienst – alles wird freiwillig gestemmt.
Manche sind Lehrer, andere Ärzte oder Ingenieure. Einer, erzählt Matthias Otten-Ebbert, ist Oberarzt – aber auf dem Festival will er nicht beim Rettungsdienst mitmachen, sondern zapfen. Andere bauen seit Jahren den “Pommes-Tempel” auf. Der Chef dort trägt Strohhut, riecht nach Fritteuse und ist Kult.
Widerstand gegen Rechts – aber nicht mit erhobenem Zeigefinger
„Rock am Turm“ ist politisch – aber nicht dogmatisch. „Wir pädagogisieren nicht“, sagt Otten-Ebbert. Statt Reden gibt’s T-Shirts mit klaren Botschaften, Acts mit Haltung und Begegnung auf Augenhöhe. Bands wie „Selig”, „Massendefekt“, „Dog Eat Dog” oder „Heldmaschine“ standen bereits auf der Bühne, weil sie genau das vertreten.
„Wir glauben, dass das, was wir tun, wirkt“, sagt Otten-Ebbert. „Wir zeigen durch unser Handeln, was uns wichtig ist: Toleranz, Vielfalt, Demokratie.“
Nachwuchs und Aktionen neben der Bühne
Viele Kinder der Gründungsmitglieder helfen heute mit – als Ordner, beim Wertmarkenverkauf oder auf der Bühne. Und deren Freundeskreise gleich mit. Auch lokale Vereine unterstützen: Die DRK-Jugend bringt sich ein, Tanzschulen packen an, die Bürgerstiftung Coesfeld hilft, die Acts zu finanzieren.
Zwischen Foodständen und Bühnen gibt’s jedes Jahr auch Infostände: Viva con Agua, Metality (für mentale Gesundheit in der Metal-Szene), Diabetes-Initiativen, Blutspendenaktionen – wer für Toleranz und Miteinander steht, bekommt hier Raum.
Und ein Festival-Maskottchen gibt es auch: „Turmi“ – ein Kirchturm als Plüschtier zum Reinschlüpfen. Kultig, ein bisschen schräg, aber liebenswert. Wie das ganze Festival.
Von Coesfeld nach NRW – Rock am Turm als Modell
In Coesfeld ist „Rock am Turm“ längst ein fester Termin im Kalender. Aber das Konzept ist übertragbar: Es geht auch anderswo. Das hat ein Ableger in Marl gezeigt, den das Team mit angeschoben hat.
„Einfach machen“, rät Matthias Otten-Ebbert. „Man braucht ein gutes Team, gute Nerven und viel Herz – aber es funktioniert.“ Ein großer Vorteil: „Man sieht direkt, was entsteht, wenn man gemeinsam anpackt.“
Was die Nominierung bedeutet
Die Nominierung für den Engagementpreis NRW 2025 ist für das Team ein Motivationsschub – und eine willkommene Anerkennung nach all den Jahren. „Das Festival soll nicht uns feiern, sondern das Thema – aber es ist schön, wenn unsere Arbeit gesehen wird“, sagt Otten-Ebbert.
Das Preisgeld fließt unter anderem in die Helferparty nach dem Festival. „Da hauen wir auf die Pauke – das ist das Mindeste, was wir zurückgeben können.“ Und das passt: Denn bei Rock am Turm geht es immer um das große Ganze. Aber nie ohne die Menschen, die es möglich machen.