Mit der Rikscha zurück ins Leben: Radeln ohne Alter Neukirchen-Vluyn

Mit der Rikscha zurück ins Leben: Radeln ohne Alter Neukirchen-Vluyn

Engagement des Monats August 2026

Eine Fahrt ins Grüne. Ein Lächeln am Straßenrand. Ein Gespräch über vergangene Zeiten. Bei „Radeln ohne Alter Neukirchen-Vluyn“ werden Rikschas zu rollenden Begegnungsorten. Ehrenamtliche holen Menschen aus Senioreneinrichtungen, Tagesstätten oder Wohnungen ab und bringen sie dorthin, wo Leben passiert: auf den Wochenmarkt, zum Maibaum, ins alte Viertel oder unter blühende Bäume.

Die Rikscha rollt langsam los. Vorne sitzen zwei Fahrgäste, eingehüllt in eine warme Decke. Ein beheizbares Kissen sorgt für zusätzlichen Komfort. Menschen grüßen am Wegesrand, ein „Guten Morgen“ fliegt über den Bürgersteig, ein Lächeln kommt zurück. Genau darum geht es: gesehen werden, dazugehören. 

Wilhelm Ehrmann, Gründer und einer der Koordinierenden der Initiative, bringt es auf den Punkt: „Es geht darum, den Menschen zu zeigen: Du gehörst dazu.“ Die Rikscha ist mehr als ein Fahrrad mit Sitzbank. Sie öffnet Türen und verwandelt den engen Alltag in eine Fahrt durch die Stadt. 

Vom Ruhestand auf die Straße

„Radeln ohne Alter Neukirchen-Vluyn“ entstand im Februar 2020. Ehrmann, frisch im Ruhestand, suchte eine sinnvolle Aufgabe. Im Internet stieß er auf „Radeln ohne Alter Deutschland“. Nach einer Probefahrt in einer Nachbarstadt war er überzeugt: „Ich war so begeistert, dass ich dachte, das müssen wir in Neukirchen-Vluyn auch schaffen. “ 

Der Zeitpunkt passte. Die Stadt arbeitete am Projekt „Wohnen und Leben im Alter“, unterstützt von der Heinz-Trox-Stiftung. Die Stiftung stieg ein. Dann kam Corona. Viele Projekte stockten, doch die Rikschas konnten fahren – mit Abstand und viel Feingefühl. 

Heute stehen zwölf Rikschas bereit. Die Initiative fährt für alle sechs Senioreneinrichtungen der Stadt, vier Tagesstätten und fünf Einrichtungen der Eingliederungshilfe. Allein lebende Menschen sind schwerer zu erreichen, doch zwischenzeitlich erfolgen etwa 25 % der Fahrten auch im privaten Bereich.

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01:40 Minuten

Gut organisiert, ohne Sitzungsmarathon

Rechtlich gehört „Radeln ohne Alter Neukirchen-Vluyn“ zur Tuwas Genossenschaft eG. Ehrmann wollte keinen eigenen Verein gründen: „Ich möchte nicht in Sitzungen sitzen, sondern praktisch etwas tun. “Die Genossenschaft übernimmt die Buchhaltung und die Versicherungen. Die Organisation der Fahrten und die Pflege der Website liegt in der Verantwortung von „Radeln ohne Alter Neukirchen-Vluyn“.

Für die Einrichtungen gibt es feste Teams, die meist wöchentlich fahren. Private Anfragen laufen über Ehrmann und eine weitere Ansprechpersonen. Beim Rikscha-Stammtisch planen die Ehrenamtlichen größere Touren und tauschen Erfahrungen aus. 

Die Ausbildung folgt klaren Regeln. Neue Pilotinnen und Piloten lernen zuerst, die Rikscha sicher zu lenken. Sie fährt anders als ein Fahrrad, denn vorne sitzen Menschen, die nicht einfach abspringen können. Im zweiten Schritt üben sie Kommunikation, Respekt und den Umgang mit Nähe. Bei der ersten begleiteten Fahrt geben die Ausbildenden praktische Tipps. Beim Einsteigen, Anschnallen und Zudecken kommen die Fahrenden ihren Gästen körperlich nah. Diese Nähe soll auch symbolisch spürbar werden – durch echte Zuwendung zu den Fahrgästen. 

Eine Stunde für Lebensgeschichten

Diese Nähe wirkt. Unterwegs erzählen Fahrgäste aus ihrem Leben: von Bergbauzeiten, Krankheiten, verstorbenen Partnern oder Straßen, durch die sie früher selbst radelten. Die Pilotinnen und Piloten hören zu. Verstehen sie etwas nicht, halten sie an, gehen nach vorne und fragen nach.

Besondere Höhepunkte sind Fahrten zu Veranstaltungen. Ob Maibaumaufstellen, Wochenmarkt oder Demonstration – die Rikschas sind dabei. Menschen, die früher selbstverständlich zum Stadtleben gehörten, können wieder mittendrin sein. 

Eine Dame namens Ulla wollte mit über 90 Jahren noch zu einer Demonstration. Sie ist inzwischen verstorben. Eine Rikscha erinnert heute an sie: das Ulla-Mobil. Ihre Angehörigen waren so begeistert, dass sie der Initiative das Fahrzeug schenkten. „Diese Rikscha fahre ich besonders gern, weil sie mich an Ulla erinnert“, sagt Ehrmann. 

Kleine Momente, große Wirkung

Ehrmann spricht nicht von Sensationen. Er erzählt von zwei Menschen, die ins Gespräch kommen. Vom Drehorgelmann, der seine Geschichte über viele Fahrten hinweg erzählt. Von Ausflügen unter blühende Bäume. „Wir sorgen dafür, dass viele Menschen ein paar glückliche Momente erleben“, sagt Ehrmann. Oft hören die Ehrenamtlichen: „Dass ich das nochmal erleben darf! “ 

Im vergangenen Jahr fuhr die Initiative 1.490 Menschen. Mehr als 50 ausgebildete Pilotinnen und Piloten engagieren sich regelmäßig. Ein vierköpfiges Reparaturteam hält die Fahrzeuge einsatzbereit, baut Blinker ein, biegt Bleche und verbessert die Technik. 

Finanziert wird das Projekt von mehreren Partnern. Die Heinz-Trox-Stiftung stellte den Großteil der Rikschas und unterstützt Reparaturen. Weitere Förderer sind die Sparkasse am Niederrhein, die AWO, Kirchengemeinden, Heimat- und Verkehrsvereine, die Aktion Mensch und der Erziehungsverein Neukirchen. 

Kostenlos, damit niemand draußen bleibt

Ein Grundsatz bleibt unverrückbar: Die Fahrten sind kostenlos. Auch Trinkgeld wird nicht angenommen. Niemand soll glauben, etwas geben zu müssen. „Dass unser Angebot kostenfrei ist und Menschen ohne Gegenerwartung guttut, trägt unser Konzept“, sagt Ehrmann. 

Eine Herausforderung bleibt die private Nachfrage. In Einrichtungen ist das Angebot bekannt. Wer allein lebt, muss oft erst Vertrauen fassen. Manche fürchten versteckte Kosten oder Verkaufsgespräche. Deshalb setzt die Initiative auf Kirchengemeinden, die Stadt und andere Mittler. Auch der Bürgermeister unterstützt das Projekt und fährt selbst Rikscha. 

Besonders ist der weite Blick auf Inklusion. Nicht nur Seniorinnen und Senioren nutzen das Angebot. Auch Menschen mit geistigen oder körperlichen Beeinträchtigungen fahren mit. Zwei von ihnen wurden sogar zu Piloten ausgebildet. Dafür entstand mit Fachleuten ein eigenes Konzept. 

Anerkennung und Weiterentwicklung

Langfristig sieht sich die Initiative gut aufgestellt. Die Tuwas Genossenschaft gibt Sicherheit. Im Team kann Nachwuchs nachrücken. Viele Pilotinnen und Piloten sind im Rentenalter, aber fit und motiviert. Das Engagement strukturiert ihren Alltag, hält sie in Bewegung und schenkt soziale Kontakte. Ehrmann nennt es „eine Win-Win-Situation“. 

Die Nominierung für den Engagementpreis NRW 2026 ist eine besondere Anerkennung. Sollte die Initiative mit einem der Hauptpreise ausgezeichnet werden, würde das Preisgeld als Basis für eine weitere Rikscha eingesetzt werden. So könnten noch mehr Menschen Bewegung, Begegnung und gemeinsame Erlebnisse statt Einsamkeit erfahren.