Nächste Ausfahrt Wünschewagen: Letzte Ausflüge ins Glück

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Gespeichert von Tim Strehlau am 21. September 2017
ASB Wünschewagen – Helferin steigt in Wünschewagen ein

Nächste Ausfahrt Wünschewagen: Letzte Ausflüge ins Glück

Engagement des Monats Oktober 2017

Engagementpreis NRW | Die Familienfeier in der Ferne, ein Sonnenuntergang am Meer, das Konzert der Lieblingsband, ein Besuch im Fußballstadion: Der Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes erfüllt letzte Lebenswünsche schwerstkranker Menschen jeden Alters. So feiert das Essener Projekt das Leben bis zum Schluss.

 

Sich zu Lebzeiten mit letzten Wünschen auseinanderzusetzen, fällt den meisten Menschen nicht leicht. Ganz im Gegenteil: Im schnelllebigen Alltag werden Gedanken an die eigene Vergänglichkeit allzu gern verdrängt. Gleichwohl haben viele von uns eine recht konkrete Vorstellung davon, was sie im Fall des Falles in ihren letzten Tagen auf Erden noch einmal tun wollen. Bevor die uns alle erwartende Reise auf die andere Seite beginnt, schöpfen manche Menschen Trost aus dem Gedanken, zum Abschluss noch einmal an liebgewonnene Orte und Plätze zurückzukehren, die sich mit dem eigenen Leben verbinden: das kann ein Tag im Zoo ebenso sein wie eine Wanderung im langjährigen Urlaubsort.

Oder auch etwas ganz anderes, sagt Nazan Aynur, die seit 2014 als Projektleiterin beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) dafür sorgt, letzte Wünsche wahr zu machen. Frau Aynur erläutert die Idee hinter dem Konzept, das ursprünglich aus den Niederlanden stammt und sich ausgehend von NRW in ganz Deutschland etabliert hat. »Unser Anliegen ist es, mit dem Wünschewagen schwerkranke Menschen und ihre Angehörigen in einer intensiven und mit vielen Belastungen verbundenen Zeit zu unterstützen. Der Wünschewagen möchte nicht nur sterbenskranken Menschen einen letzten Wunsch erfüllen, sondern auch zur Entlastung der pflegenden Angehörigen beitragen«. Das Projekt ermögliche es Menschen, »zufrieden und mit Momenten des Glücks« auf das Leben zurückblicken zu können. Und so bringen seit drei Jahren zwei in Essen stationierte Fahrzeuge, die sogenannten »Wünschewagen«, Menschen aus ganz NRW an den Ort ihrer letzten Träume, der gerne auch außerhalb der Landesgrenzen liegen darf. Dabei sind die großen und kleinen Wünsche, die die Geschäftsstelle des Projekts beinahe täglich erreichen, so unterschiedlich wie die Menschen selbst.

Der Wünschewagen ist ein eigens für das Projekt optimierter Krankentransportwagen, der nicht nur für alle medizinischen Notfälle ausgerüstet ist, sondern für seine Fahrgäste und deren Begleitpersonen »eine angenehme und entspannte Atmosphäre« schafft, wie Nazan Aynur erläutert. Dazu gehöre eine Rundum-Verglasung für den Panorama-Blick auf die Umgebung genauso wie ein Gesamtkonzept aus Licht und Farben, das auf die persönlichen Vorlieben des Fahrgastes abgestimmt werden kann. Damit der Wünschewagen ausnahmslos jedem Menschen mit einer geringen Lebenserwartung zur Verfügung steht, ist die Fahrt für den Fahrgast kostenlos.

Das vom Regionalverband Ruhr des Arbeiter-Samariter-Bundes initiierte Projekt arbeitet eng mit Hospizen oder Selbsthilfegruppen in NRW zusammen und unterhält Partnerschaften mit Stiftungen, Kultureinrichtungen, Verkehrsunternehmen oder Freizeitparks. Zwar werde das Angebot aufgrund der Fülle der Anfragen hauptamtlich koordiniert, ohne umfangreiches bürgerschaftliches Engagement wäre es aber nicht umsetzbar, berichtet Nazan Aynur. Bisher konnten auf diese Weise mehr als 350 Wunschfahrten durchgeführt werden, etwa 100 ehrenamtliche Helfer/innen sind im Projekt tätig.

Die verantwortungsvolle, ethisch und psychologisch anspruchsvolle Form der Begleitung und Betreuung von schwerstkranken Menschen stelle dabei »hohe Anforderungen« an alle, die sich ehrenamtlich im Projekt engagieren. Dementsprechend seien alle freiwilligen Helferinnen und Helfer geschult, »kritische Situationen während der Begleitung der Wunschfahrten zu erfassen und falls notwendig geeignete Maßnahmen einzuleiten«. Dazu sei es nötig, neben fachlichen Details zur Pflege, zur Ersten Hilfe und zu rechtlichen Gegebenheiten vor allem den »kultursensiblen Umgang mit dem Tod und den eigenen Umgang mit dem Thema« zu vermitteln.

Doch bei aller gebotenen Ernsthaftigkeit kommen bei den Fahrten auch Lachen und Spaß nicht zu kurz, meint Nazan Aynur. Denn eins sei allen Beteiligten sonnenklar: Der Tod gehört zum Leben und jeder Mensch ist bis zum Tod ein Lebender.

Kontakt und Ansprechpartner
Nazan Aynur
ASB Wünschewagen
Arbeiter Samariter Bund Regionalverband Ruhr e.V.
Richterstr. 20-22
45130 Essen
Tel: (02 01) 8 70 01 64
E-Mail: naynur@asb-ruhr.info
www.wuenschewagen.com

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