Gemeinschaft von Anfang an: Das Mentorenprogramm der Rotkreuzgemeinschaft Münster
Engagement des Monats November 2025
Dienstagabend. Es ist kurz vor halb acht. Im Gruppenraum der DRK-Gemeinschaft Münster herrscht geschäftiges Treiben. Die Türen stehen offen, draußen dringen noch letzte Sonnenstrahlen durch das Fenster. Auf einem Tisch liegt Erste-Hilfe-Material. Zwei junge Frauen lachen, eine von ihnen trägt bereits eine rote Einsatzjacke. Ein neuer Interessent ist heute zum ersten Mal dabei – etwas schüchtern steht er an der Tür. Kurz darauf tritt ihm jemand entgegen, reicht ihm die Hand, stellt sich vor: ein Mentor. Ein kurzes Gespräch, ein Lächeln. Dann führt der Mentor ihn durch den Raum, zeigt ihm das Material, erklärt die Abläufe. Kein großes „Willkommensprogramm“, sondern einfach: dazugehören, ab dem ersten Moment.
So funktioniert es bei der Gemeinschaft Münster des Deutschen Roten Kreuzes. Das Herzstück ihrer Nachwuchsarbeit ist ein durchdachtes Mentorenprogramm – entwickelt aus der Praxis heraus, getragen von Ehrenamtlichen, die selbst begeistert bei der Sache sind.
Ein strukturierter Weg ins Ehrenamt
Die Gemeinschaft Münster ist Teil des DRK-Kreisverbands Münster e.V. und besteht aus rund 60 ehrenamtlich aktiven Mitgliedern. Etwa zehn von ihnen engagieren sich zusätzlich im Mentorenprogramm. Ziel ist es, Interessierte von Anfang an eng zu begleiten und damit die Hürden für den Einstieg in das komplexe System aus Katastrophenschutz und Sanitätswachdienst möglichst niedrig zu halten.
Die Idee für das Programm stammt von Marc Niestert, dem aktuellen Kreisrotkreuzleiter. Bereits vor rund acht Jahren erkannte er: Wer sich für den Einsatz im Ehrenamt interessiert, braucht Orientierung. „Die Menschen brauchen jemanden an der Hand“, erzählt Nikola Volk, Rotkreuzleiterin der Gemeinschaft Münster. Sie ist ehrenamtlich tätig, organisiert den Alltag der Gemeinschaft und koordiniert das Mentorenprogramm gemeinsam mit der AG Leiterin. „Es geht nicht nur darum, was wir machen, sondern auch darum, wie man sich wohlfühlen kann“, sagt sie. Das Mentorenprogramm sorgt genau dafür.
Engagement des Monats November 2025
Vom Erstkontakt zur festen Bindung
Die Wege zum DRK Münster führen meist über Instagram oder Ehrenamts-Plattformen. Nach einer ersten Kontaktaufnahme vermittelt die Ehrenamtskoordination des DRK gezielt weiter: Wer sich für Katastrophenschutz interessiert, landet unter anderem bei der Gemeinschaft Münster – und damit direkt im Mentorenprogramm.
Noch am selben Tag meldet sich die Leiterin der AG Mentoring. Sie lädt die neue Person zum nächsten Dienstabend ein. Und dort beginnt das Kennenlernen: „Es ist natürlich immer schwierig, wenn man in eine Gruppe von 30 Leuten kommt“, sagt Volk. „Wenn man ganz alleine da auftaucht, dann steht man vielleicht ein bisschen in der Ecke.“ Dafür gibt es die Mentoren. Sie nehmen an die Hand, zeigen die Räume, erklären die Abläufe – und bleiben als fester Ansprechpartner drei bis sechs Monate an der Seite der neuen Person.
Spätestens nach dem dritten Dienstabend wird ein fester Mentor oder eine Mentorin zugeteilt. Ab dann beginnt der eigentliche Mentoring-Prozess: Individuelle Begleitung, gemeinsame Teilnahme an Dienst-Abenden, Informationen zu den notwendigen Ausbildungen und der ganz alltägliche Austausch – fachlich und persönlich.
Engagement, das bleibt
Das Programm zeigt Wirkung. Trotz hoher Fluktuation – Münster ist eine Studierendenstadt – steigen die Mitgliederzahlen kontinuierlich. „Wir hatten vor etwa zwei Jahren eher so 45 bis 50 Mitglieder“, erinnert sich Nikola Volk. „Jetzt sind wir bei rund 60. Und das trotz vieler Umzüge.“ Ein Erfolg, der sich nicht nur in Zahlen zeigt. Sondern auch im Miteinander.
Beim DRK Münster entstehen Freundschaften. Man unternimmt Ausflüge, etwa in den Kletterpark. Feiert zusammen. Die regelmäßigen Treffen am Dienstagabend sind mehr als nur Fortbildung: Theorie und Praxis wechseln sich ab, aber immer ist auch Platz für Begegnung.
Und: Es gibt keine Altersgrenze. „Wir haben Mitglieder zwischen 17 und 70“, erzählt Volk. Einer sei sogar erst mit der Pensionierung eingestiegen. Ein anderer kann kein Blut sehen – dann hilft er eben in der Betreuungsgruppe. Alle finden ihren Platz.
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Vielfalt im Einsatz
Katastrophenschutz ist mehr als nur Sanitätsdienst. Es gibt den Betreuungsdienst etwa für Evakuierungen, technische Unterstützungseinheiten und den Führungsdienst. Aber es gibt auch Sanitätswachdienste bei kleinen und großen Veranstaltungen, zum Beispiel an Rosenmontag. Hier sind etwa 100 ehrenamtliche Einsatzkräfte im Dienst. Die Einsätze sind vielfältig – und die Möglichkeiten ebenso. Neue Mitglieder erhalten eine Dokumentenmappe, erste Einführungsseminare zu Geschichte und Aufgaben des Roten Kreuzes, einen Erste-Hilfe-Kurs und danach eine fachspezifische Ausbildung.
Das Mentoring erleichtert den Einstieg in diese komplexe Struktur. Und es motiviert: „Wenn Sie sich irgendwo melden, haben Interesse und drei Monate später meldet sich erst jemand – dann ist das Interesse vorbei“, sagt Nikola Volk ganz pragmatisch. Ihre Gemeinschaft reagiert sofort. Und bleibt dran.
Vorbild für andere
Das Konzept aus Münster hat inzwischen Interesse in ganz Westfalen-Lippe geweckt. Auf Veranstaltungen des Landesverbands gab es begeistertes Feedback. Andere Gliederungen des DRK zeigten sich offen für die Übernahme. Noch ist das Mentorenprogramm in dieser Intensität einzigartig. Aber es wäre übertragbar – mit klaren Rollenprofilen, festen Abläufen und einem engagierten Team.
Der Aufwand sei groß, räumt Nikola Volk ein. „Aber es lohnt sich.“ Schließlich entsteht durch das Programm nicht nur Bindung, sondern echte Gemeinschaft. Neue Mitglieder werden nicht nur eingearbeitet – sie werden aufgenommen.
Zukunft mit Plan
Nach einer coronabedingten Pause ist das Programm seit zwei Jahren wieder voll aktiv. Entstehende Sachkosten werden über Fördermitgliedschaften im DRK- Kreisverband getragen. Langfristig wünscht sich die Gemeinschaft, dass gut ausgebildete Ehrenamtliche ihr Wissen bei einem Wohnortwechsel auch in anderen Städten weitergeben können. Das Mentorenprogramm legt dafür die Grundlage.
Die Gemeinschaft Münster will weiter wachsen – nicht nur in Zahlen, sondern auch in der Qualität des Miteinanders. Engagement, das bleibt. Auch wenn die Menschen an andere Orte weiterziehen.
Eine Anerkennung mit Signalwirkung
Die Nominierung für den Engagementpreis NRW 2025 ist für die Gemeinschaft Münster mehr als eine Auszeichnung. Sie ist Bestätigung und Motivation zugleich. „Es zeigt, dass unsere Arbeit gesehen wird“, so Nikola Volk. Und sie zeigt: Nachwuchsgewinnung im Ehrenamt ist möglich – wenn man Menschen nicht nur eine Aufgabe gibt, sondern ihnen wirklich begegnet.