Zwischen Buchrücken und Begegnung – Wie Jugendliche in Horn ihre eigene Bücherei aufbauen
Engagement des Monats Oktober 2025
Wenn sich die Tür zur Fahrschule in Horn im richtigen Moment öffnet, erwartet einen kein stupides Pauken von Regeln. Wo zu anderen Zeiten Straßenverkehr erklärt wird, geht es nun auf ganz andere Wege – in eine Welt aus Geschichten voller Fantasie und Emotionen. Stimmengewirr mischt sich mit dem Klicken eines Laptops, Bücherregale laden zum Stöbern ein. Im Hintergrund läuft angesagte Musik. Eine Jugendliche scannt einen Barcode, eine andere ordnet Bücher in ein Regal mit farblich abgestimmtem Buchschnitt. Die Wände tragen Plakate über BookTok-Lieblinge und Neuerscheinungen. Willkommen bei „teens & twens“ – einem Ort, der zeigt, dass Bücherei auch anders geht.
Simone Zerres, ehrenamtliche Leiterin der Bücherei St. Cyriakus in Erwitte-Horn, ist an diesem Abend nicht die Chefin. Die Jugendlichen haben das Ruder übernommen. „Ich habe das Regal gar nicht eingeräumt, das haben die selbst gemacht“, erzählt sie mit einem stolzen Lächeln. Seit Frühjahr 2024 gibt es hier einen neuen Treffpunkt – gestaltet von Jugendlichen, für Jugendliche.
Alles begann mit einem Spaziergang
Horn ist ein kleines Dorf, das Teil eines Kirchspiels mit elf Dörfern ist. Die katholische öffentliche Bücherei ist ein fester Bestandteil des Ortes – seit 1863 dokumentiert, seit Jahrzehnten in ehrenamtlicher Hand. Doch mit den Jahren veränderte sich das Publikum. Die Grundschüler und Kindergartenkinder blieben, Jugendliche verschwanden.
Simone Zerres erinnert sich: „Es war schade zu sehen, dass da eine ganze Altersgruppe einfach weggebrochen ist.“ Corona verstärkte das Problem. Viele Gruppenangebote wurden gestrichen, Treffpunkte gingen verloren, Mitarbeiter sprangen ab. Doch statt aufzugeben, begann etwas zu reifen: eine neue Idee.
„Ich bin einfach durchs Dorf gegangen und habe Jugendliche angesprochen“, erzählt Zerres. „Was lest ihr? Hättet ihr Lust mitzumachen?“ Der Erfolg kam unerwartet schnell. Innerhalb kurzer Zeit fanden sich 14 junge Menschen zwischen 13 und 25 Jahren zusammen, die nicht nur lesen, sondern selbst gestalten wollten.
Engagement des Monats Oktober 2025
Vom Kinderregal in die Fahrschule
Der Platz in der Hauptbücherei reichte nicht aus. Stattdessen öffnete ein Fahrschullehrer seine Räume – genau dort, wo die Zielgruppe ohnehin verkehrt. „Das war wie ein Sechser im Lotto“, sagt Zerres. In den freien Zeiten der Fahrschule entstand ein neuer Ausleihort: modern, flexibel, selbstverwaltet.
Die Jugendlichen entschieden, welche Bücher angeschafft werden sollten. BookTok-Empfehlungen, englische Originalausgaben, farbgeschnittene Hardcover. „Ich musste einige Titel aus dem Ausland bestellen“, erinnert sich Zerres. Die Regale füllten sich schnell – nicht mit dem, was Erwachsene für passend hielten, sondern mit dem, was wirklich gelesen wird.
Selbst gestalten, selbst organisieren
„Wir wollen, dass die Jugendlichen alles selber machen“, erklärt Zerres. Und das tun sie. Von der Auswahl der Bücher über die Ausleihe am Laptop bis zur Gestaltung des Instagram-Accounts – die Teens & Twens übernehmen Verantwortung. Sie lernen, planen, probieren sich aus. Auch Aktionen wie Lesenächte, Buchmessenfahrten oder Kreativworkshops sollen langfristig dazugehören.
Der Projektname „teens & twens“ ist dabei Programm: Junge Menschen aus dem Dorf gestalten aktiv mit, werden ernst genommen und entwickeln Ideen für ihre Altersgruppe. Ohne Zwang, aber mit viel Raum für eigene Wege.
Die digitalen Medien spielen dabei nicht die Hauptrolle, sind aber mitgedacht. „Wir verteufeln das Digitale nicht“, betont Zerres. „Aber Lesen ist eine Kulturtechnik. Die lernen Kinder besser über Haptik, über Vorlesen, über echte Bücher.“
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Ehrenamtlich, aber professionell
Was hier entsteht, ist mehr als ein kleines Bücherprojekt. Es ist ein Modell dafür, wie Ehrenamt und Nachwuchsförderung in ländlichen Regionen funktionieren können. Die Infrastruktur steht: Ein erfahrenes Team, enge Kooperation mit Grundschule und Kindergarten, finanzielle Unterstützung durch das Erzbistum, die Kirchengemeinde, die Stadt Erwitte sowie lokale Sponsoren.
„Man muss sich das vorstellen wie ein kleines Unternehmen“, sagt Zerres. Von der Buchpflege über Öffentlichkeitsarbeit bis zur Technik – alle Bereiche laufen ehrenamtlich. Gewinne gibt es keine. Alles, was durch Flohmärkte oder Aktionen eingenommen wird, fließt zurück in den Bestand.
Dabei ist eines zentral: Vertrauen. Die Jugendlichen dürfen mitgestalten, dürfen Fehler machen, dürfen wachsen. „Es geht nicht darum, Zahlen vorzuweisen“, erklärt Zerres. „Sondern dass sie dabei sind und sich ausprobieren können.“
Zwischen analog und digital – für eine Zukunft im Dorf
Die Jugendlichen, die heute mitmachen, sind die Multiplikatoren von morgen. Durch ihre aktive Rolle entwickeln sie ein Gefühl für das Gemeinwesen. Sie gestalten mit, nicht nur für sich, sondern für andere. Zerres ist überzeugt: „Was sie heute aufbauen, können sie später weitergeben.“
Die Hoffnung: Dass das Projekt langfristig wächst. Dass sich Jugendliche über die Jahre hinweg einbringen, neue Ideen entwickeln, andere mitziehen. Dass der ländliche Raum nicht nur von Sportvereinen, sondern auch von kulturellen und kreativen Angeboten lebt.
Dass Bücher, Geschichten und Begegnung einen Platz behalten – auch neben TikTok und Instagram.
Die Nominierung als Ansporn
Für Simone Zerres und das gesamte Team ist die Nominierung für den Engagementpreis NRW 2025 eine große Wertschätzung. „Das zeigt uns, dass wir gesehen werden – und dass unsere Jugendlichen gesehen werden.“ Es sei eine Anerkennung für mutige Ideen, ungewöhnliche Wege und das Vertrauen in eine neue Generation, die Lust auf mehr macht.