Hinter Gefängnismauern: Ehrenamtliche durchbrechen Einsamkeit hinter Gittern
Engagement des Monats März 2026
Hinter Gefängnismauern ist Einsamkeit oft Alltag – besonders für Inhaftierte ohne Besuche und ohne Kontakt nach draußen. Genau hier setzt das ehrenamtliche Engagement der Straffälligenhilfe des Caritasverbandes Wuppertal/Solingen an: Ehrenamtliche kommen in die Justizvollzugsanstalten, hören zu, führen Gespräche auf Augenhöhe und schaffen in Gruppenangeboten echte Gemeinschaft. Sie begleiten Menschen außerdem bei der Entlassung und geben Halt in einer Phase, in der viele ohne Orientierung dastehen. So entstehen Brücken zwischen „drinnen“ und „draußen“ – und Chancen für einen Neuanfang
Ein Burger, ein riesiger Salat, später ein Eis. Für viele ist das ein normales Abendessen. Hinter Gefängnismauern ist es ein Festmahl. Und für manche Inhaftierte ist es noch mehr: ein Moment, in dem sich wieder etwas anfühlt wie echtes Leben.
Die Abteilungsküche der Justizvollzugsanstalt (JVA) Remscheid steht an diesem Tag Kopf. Tüten werden kontrolliert, Listen geprüft, Türen öffnen und schließen. Dann liegen die Zutaten bereit. Hände kneten, schneiden, rühren. Sie lachen und diskutieren, wer die Zwiebeln übernimmt. Am Ende decken sie den Tisch. Sie setzen sich zusammen. In der Luft liegt etwas, das im Haftalltag selten ist: Leichtigkeit.
Helena Fahl, Sozialarbeiterin beim Caritasverband Wuppertal/Solingen und Ehrenamtskoordinatorin der Straffälligenhilfe, kennt diese Szenen gut. Sie hat die Kochgruppe selbst erlebt. Für sie ist klar: Diese Stunden sind keine bloße Abwechslung. Sie wirken dort, wo Einsamkeit besonders schmerzt – hinter Gefängnismauern.
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Einsamkeit bekämpfen, wo sie am stärksten spürbar ist
Hier setzt das ehrenamtliche Engagement in der Straffälligenhilfe der Caritas Wuppertal/Solingen an. Viele Inhaftierte verlieren während der Haft den Kontakt zu Familie und Freunden. Manche hatten ihn nie. Viele erhalten keine Besuche. Ihre sozialen Kontakte beschränken sich auf den Justizvollzug. Auf Menschen, die überwachen, sanktionieren, Regeln durchsetzen. Begegnung auf Augenhöhe ist selten.
„Im Ehrenamt ist das anders“, sagt Helena Fahl. Ehrenamtliche kommen nicht mit Akten oder Aufträgen. Sie kommen mit Zeit. Und mit echtem Interesse.
Die ehrenamtliche Straffälligenhilfe im Bergischen Land hat eine lange Tradition. Bereits Ende der 1990er-Jahre entstand sie gemeinsam mit zwei kirchlichen Vereinen. Als eigenständiges Projekt besteht sie seit dem 1. April 2023 nach einer Ausschreibung des Justizministeriums. Die Caritas Wuppertal/Solingen erhielt den Zuschlag, weil die Strukturen längst gewachsen waren. Heute engagieren sich rund 120 Ehrenamtliche zwischen 21 und 75 Jahren in drei Justizvollzugsanstalten im Bergischen Land.
Ein Miteinander ohne Bewertung
Einige besuchen Inhaftierte der Männer- und Jugendvollzugsanstalten in Einzelgesprächen – regelmäßig, oft wöchentlich oder alle zwei Wochen. Andere gestalten Gruppenangebote: Spielegruppen, Kochgruppen oder Lesezirkel. Weitere Formate kommen projektbezogen hinzu, etwa ein Trommelkurs. In der JVA Vohwinkel wurde sogar ein Kultursommer mit externen Darbietungen umgesetzt – organisiert von Ehrenamtlichen gemeinsam mit der Seelsorge.
Für die Inhaftierten bedeutet das: raus aus dem inneren Rückzug. Rein in ein Miteinander ohne Bewertung. Ohne Nachfragen zur Tat. Ohne Erwartungen.
Eine besondere Qualität liegt in der Vertraulichkeit. Die Begegnungen finden auf Augenhöhe statt. Nur bei Selbst- oder Fremdgefährdung greifen Schutzmechanismen. Ansonsten bleibt Gesagtes im Raum.
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Vertrauen braucht Zeit
Niemand öffnet sich sofort. Gerade emotionale Einsamkeit lässt sich nicht in wenigen Besuchen lindern. Vertrauen wächst langsam.
„Wichtig ist die Konstanz“, sagt Fahl. Wer einmal im Monat kommt, muss dieses Versprechen halten oder rechtzeitig absagen. Gerne auch mit einem Brief – diese haben hinter Gittern eine große Bedeutung und viele Inhaftierte empfinden dabei Wertschätzung. Viele Ehrenamtliche besuchen wöchentlich oder im Zwei-Wochen-Rhythmus. Ein Gespräch dauert meist eine Stunde, Gruppenangebote oft länger.
Damit Nähe gesund bleibt, spielt Distanz eine zentrale Rolle. Von Beginn an wird geklärt, wie lange eine Begleitung dauert. Es gibt Austauschtreffen für die Ehrenamtlichen sowie Begleitung durch Sozialdienste und Seelsorge, die auch Supervision anbietet. Wird aus einem Ehrenamt eine private Beziehung, endet die ehrenamtliche Rolle.
Sicherheit und Verantwortung
Sicherheitsfragen gehören zum Alltag. Inhaftierte, die ehrenamtlich begleitet werden, werden gezielt ausgewählt. Im Vordergrund steht das Verhalten während der Haft und weniger das Delikt. Selbstverständlich gibt es aber auch Delikte, bei denen eine ehrenamtliche Begleitung ausgeschlossen wird, denn Sicherheit steht im Vollzug an erster Stelle – manchmal so sehr, dass Resozialisierung erschwert wird.
Auch entlassungsvorbereitende Ausgänge unterscheiden sich je nach Anstalt. Fest steht: Der erste Ausgang erfolgt nie ausschließlich mit einer ehrenamtlichen Begleitung – sie wird als Unterstützung aber sehr gerne von allen Beteiligten angenommen.
Erfolgsgeschichten nach der Entlassung
So wertvoll Gruppenangebote sind – für Fahl liegt der Kern in der Einzel- und Entlassungsbegleitung. „Das sind für mich die größten Erfolgsgeschichten.“
Es geht um Behördengänge, Orientierung draußen, kurze Rückfragen Monate später. „Manchmal ist es nur eine Nachricht. Ein Zeichen: Da ist noch jemand. Einer, der bleibt”, sagt Helena Fahl.
Das kann viel bewirken. Das Gefühl, dass jemand an sie glaubt. Ohne Urteil. Ohne Bedingungen. Für manche ist das neu – und genau das macht einen Neuanfang möglich.
Herausforderungen und Ausblick
Nicht jede Idee lässt sich überall umsetzen. Kontrollen und wechselnde Regeln gehören dazu. Die Förderung durch das Justizministerium NRW deckt vor allem Koordination und Schulung. Für inhaltliche Angebote braucht es zusätzliche Mittel. Vieles wird durch Spenden und die Unterstützung der Gefängnisvereine getragen.
Nominierung für den Engagementpreis NRW 2026
„Die Nominierung hat uns wahnsinnig gefreut“, sagt Fahl. Nicht nur, weil es Aufmerksamkeit für das Ehrenamt generiert, sondern vor allem für die Ehrenamtlichen selbst, „weil das ein Ehrenamt ist, was wirklich mit Hürden verbunden ist“. Und auch für die Inhaftierten, die dadurch sichtbar werden.
Die 1.000 Euro Preisgeld für die Nominierung fließen in Weihnachts- und Osteraktionen für Inhaftierte ohne Kontakte nach draußen. Ehrenamtliche verteilen Geschenke und schenken Gespräche. Wenn es zur Auszeichnung kommt, könnte das Geld sowohl den Inhaftierten, als auch den Ehrenamtlichen in Form von weiteren Angeboten oder einer Reflexionsfahrt zugutekommen.
Am Ende bleibt ein leiser, aber klarer Satz. Helena Fahl sagt: „Der größte Dank gilt den Ehrenamtlichen.“