Engagement des Monats Mai 2015: Gärtnern unter Denkmalschutz

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Gespeichert von Björn Lappe am 18. Mai 2015
Menschen stehen zusammen hinter einem Zaun und blicken zum Fotografen.

Gärtnern unter Denkmalschutz: Der Interkulturelle Siedlungsgarten Fürst Leopold in Dorsten

Engagement des Monats Mai 2015

Eine historische Zechensiedlung und ein damit verbundener Nutzgarten werden zu einem außerschulischen Lernort, an dem lokale Geschichte lebendig wird. Gleichzeitig wird die gemeinsame Bewirtschaftung des Gartens als ehrenamtliches, interkulturelles und generationenübergreifendes Projekt organisiert. Begleitet wird das Projekt, das sich auch als Wiederbelebung des Quartiers versteht, durch den örtlichen Bergbauverein, das Stadtteilbüro, durch Stadtverwaltung und Wohngesellschaft.

 

Die Geschichte der Zechensiedlung Fürst Leopold in Dorsten beginnt 1910 noch zu Kaisers Zeiten in einem aus heutiger Sicht fernen Zeitalter. Das Ruhrgebiet galt jedoch schon damals als eines der europäischen Zentren der Industrialisierung und Schmelztiegel verschiedener Kulturen. Heute, mehr als ein ganzes Jahrhundert später, hat sich die Gesellschaft vor Ort vielfach gewandelt, geblieben ist die Verbundenheit der Bewohner/innen zu ihrem Revier.

Die ersten Industrieansiedlungen in Dorsten erfolgten Ende des 19. Jahrhunderts, 1913 wurde die Zeche »Fürst Leopold« in Betrieb genommen. Das Ende des Kohlebergbaus kam für die heute knapp 76.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählende Stadt im nördlichen Ruhrgebiet erst im Jahr 2008.

Der Bau von Bergarbeitersiedlungen wurde seit jeher als Mittel zur Anwerbung von Beschäftigten genutzt. Ursprünglich gehörte zu jeder Wohnung in der heute teilweise denkmalgeschützten Zechensiedlung ein Nutzgarten zur Selbstversorgung der Familien mit Gemüse und Obst – von diesem Konzept sei in 100 Jahren Siedlungsgeschichte allerdings nicht viel geblieben, erläutert Gerhard Schute, Vorsitzender des Dorstener Bergbauvereins. »Das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg bescherte den Familien Kühlschrank, Tiefkühltruhe und das Auto, um Obst und Gemüse frisch oder als Konserve im Supermarkt auf der grünen Wiese einkaufen zu können. Der Garten am Haus wurde so im Laufe der Zeit zum Ziergarten mit Sandkasten, Gartenzwerg-Idylle und Schaukel, der Nutzgarten jedenfalls war nicht mehr gefragt«.

Dieser Befund war 2012 der Ausgangspunkt für die Idee des Bergbauvereins, auf historischem Grund die verloren gegangene Gartenkultur wieder aufleben zu lassen. Nachdem mit Hilfe der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft sowie tatkräftiger und finanzieller Unterstützung weiterer Partner alle finanziellen und bürokratischen Probleme aus dem Weg geräumt wurden, wird auf der rund 650 qm großen Fläche gegärtnert, was die Beete hergeben.

Ob Stangenbohnen, Salat oder Salbei, Paprika, Porree oder Pastinaken: Heute bestellen zwölf Parteien in Eigenregie den Siedlungsgarten des Bergbauvereins in der Zechensiedlung Fürst Leopold, darunter junge Familien mit Kindern, Alleinerziehende, Singles und auch Rentner mit deutschen, türkischen, afghanischen und libanesischen Wurzeln.

 

Hassan Altinkaya ist einer dieser Siedlungsgärtner. Er züchtet Paprika in den unterschiedlichsten Varianten. Nicht Beitrag und Pacht hatten ihn abgehalten, das schon früher in einem Kleingartenverein zu machen, sondern das lange Regelwerk solcher Vereine. Im neuen Leopold-Garten wird Gedrucktes durch Diskussion ersetzt, moderiert vom Vereinsmitglied Nora Schrage, die schon Erfahrung mit Gemeinschaftsgärten hat. Das anfängliche Staunen ihrer Gärtner, dass es im Garten – eben wie vor 100 Jahren – keinen Stromanschluss gibt, also zum Beispiel das Gießwasser per Schwengelpumpe gefördert werden muss, hat sie »königlich amüsiert«. Sie ist gespannt »wie sich die ja doch sehr verschiedenen Nutzgartenkonzepte zum Beispiel deutscher und türkischer Familien hier im Laufe der Zeit angleichen werden«.

 

Der Siedlungsgarten ist dabei eingebettet in ein eigens entwickeltes übergreifendes (Bildungs-)Konzept zur Sozial- und Industriegeschichte Dorstens, das durch viel ehrenamtliches Engagement der zahlreichen Aktiven des Bergbauvereins getragen und auch an anderen Orten der Stadt umgesetzt wird, beispielsweise in der ehemaligen Maschinenhalle der Zeche Fürst Leopold.

Der Garten ist in jedem Fall nach kurzer Zeit für Groß und Klein zu einem außerschulischen Lernort avanciert, in dem sich die Geschichte der Zechensiedlung und die Lebensweise ihrer Bewohner/innen anschaulich und lebensweltnah erklären lassen.

Viele weitere Informationen, Bilder und Videos zur Industriegeschichte Dorstens sowie zu weiteren Projekten des Bergbauvereins stehen im Netz unter www.bergbau-dorsten.de bereit.

Kontakt und Ansprechpartner
Verein für Bergbau- Industrie und Sozialgeschichte Dorsten e.V.
Gerhard Schute (Vorsitzender)
Jürgen Robbert (Geschäftsführer)
Luisenstrasse 18
46284  Dorsten
E-Mail: info@bergbau-dorsten.de

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