Vereint Bochum e. V.: Aus Einsamkeit wird Gemeinschaft

Vereint Bochum e. V.: Aus Einsamkeit wird Gemeinschaft

Engagement des Monats September 2026

Aus einer Krise wächst eine Idee. Aus ersten Spaziergängen entsteht ein Verein. Heute bringt “Vereint Bochum e. V.” Menschen bei Gesprächsrunden, Fototouren, gemeinsamen Essen und kreativen Aktionen zusammen. Der Verein schafft Orte, an denen Fremde ins Gespräch kommen und neue Verbindungen knüpfen.

Tim Kramer, Fotograf und viel im Musik- und Fußballbereich unterwegs, fühlt sich lange Zeit keiner festen Gruppe zugehörig. Nach einem schweren Verkehrsunfall zieht er sich immer mehr zurück. Es folgt eine Phase sozialer Isolation. Irgendwann findet er ein Wort für sein Gefühl: Einsamkeit.

Diese Erkenntnis verändert seinen Blick. Kramer will wissen, wie andere mit Einsamkeit umgehen. Gemeinsam mit Sonja Israel beginnt er, Bochumerinnen und Bochumer zu porträtieren und zu interviewen. Daraus entsteht 2023 die Initiative „eigen. – Von Einsam- und Gemeinsamkeiten“. Die Gespräche zeigen schnell: Einsamkeit betrifft viele. Und viele wünschen sich mehr Austausch.

Vom Porträt zum Spaziergang

Bald reicht es den Beteiligten nicht mehr, das Thema nur künstlerisch sichtbar zu machen. Sie wollen selbst Teil der Lösung werden. Die ersten Angebote sind einfach: eine Gesprächsrunde und ein gemeinsamer Spaziergang. An manchen dunklen Wintertagen geht Kramer allein los. Doch er hält an der Idee fest. Heute kommen bei ‚Latschen und Quatschen‘ oft 30 bis 40 Menschen zusammen. Alle zwei Wochen führt der Weg gemeinsam durch Bochum – ohne Leistungsdruck, ohne festes Tempo.

Für manche ist es ein entspannter Spaziergang nach Feierabend. Für andere der wichtigste Termin der Woche. Einige verlassen nur deshalb überhaupt das Haus. Niemand muss erklären, warum er dabei ist.

Reden, zuhören, Gedanken teilen

Im Wechsel mit den Spaziergängen findet alle zwei Wochen eine Gesprächsrunde statt. Zehn bis 15 Menschen sprechen über Themen wie Einsamkeit, Armut, Ausgrenzung, soziale Medien oder künstliche Intelligenz. Jeder bringt ein Thema mit. Es gibt keine Vorträge, keine fertigen Antworten. Die Teilnehmenden hören einander zu und teilen ihre Erfahrungen. „Wir lernen aus Gesprächen mit anderen am meisten über uns selbst“, sagt Kramer.

Für ihn bedeutet Einsamkeit, sich nicht verbunden zu fühlen. Manche Menschen verlieren nach einem Schicksalsschlag den Anschluss. Andere haben viele Kontakte, vermissen aber Nähe. Wieder andere kommen zum Studium oder zur Arbeit nach Bochum und finden keinen Zugang zur Stadt.

Gemeinsame Interessen öffnen Türen

Das Wort Einsamkeit ist oft mit Scham behaftet. Deshalb stellt “Vereint Bochum e.V.” nicht bei jedem Angebot das Problem in den Mittelpunkt. Häufig dient eine gemeinsame Aktivität als Türöffner. Weitere ehrenamtlich Engagierte schließen sich dem Team an und es entstehen mehr Angebote. 

Bei „Quatschen und Knipsen“ ziehen professionelle Fotografinnen und Fotografen mit Interessierten durch die Stadt. Die Kameras bieten Anlass für Gespräche. Rund 70 Menschen nehmen teil. Nach dem Fotospaziergang bleiben viele in einer Parkanlage zusammen. Getränke und Snacks kommen aus einem Lastenrad mit Kühlschrank.

„Gemeinsame Interessen schaffen Begegnungen“, erklärt Kramer. Aus einigen Treffen sind Freundschaften entstanden. Teilnehmende wandern zusammen, fahren in den Urlaub oder melden sich in einem Chor an.

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01:52 Minuten

Wenn Lebenswelten an einem Tisch sitzen

Auch gemeinsame Abendessen gehören zum Projekt. Einmal im Jahr lädt “Vereint Bochum e.V.” rund 60 Menschen in ein gehobenes Restaurant ein. Am Tisch sitzen Geflüchtete, Gäste der Bahnhofsmission, Unterstützende des Vereins und Menschen, die Weihnachten nicht allein verbringen möchten. Hier begegnen sich Menschen, deren Wege sich sonst kaum kreuzen. Für das Team ist es regelmäßig einer der schönsten Termine des Jahres.

Ein besonderer Höhepunkt war die diesjährige Aktionswoche „Wer liked uns offline?“. An drei Werkstatt-Tagen im Schauspielhaus Bochum beschäftigten sich mehr als 200 Menschen in Workshops, Gesprächen und kreativen Formaten mit Einsamkeit, Begegnung und der Frage, wie der gesellschaftliche Zusammenhalt in Bochum gestärkt werden kann. 

Im Mittelpunkt standen unter anderem der Austausch zwischen den Generationen, die Perspektiven junger Menschen und eine gemeinsame Ideenwerkstatt. Zum Abschluss kamen mehr als 400 Gäste zu einem ausverkauften Abend mit dem Sänger Joris, Prof. Dr. Hendrik Heuer, Tessniem Kadiri und weiteren Gästen in die Kammerspiele. Gemeinsam thematisierten sie den Einfluss von künstlicher Intelligenz und sozialen Medien auf unser Miteinander.

Aus der Initiative wird ein Verein

Im Mai 2025 gründen 23 Mitstreiterinnen und Mitstreiter den gemeinnützigen Verein “Vereint Bochum e. V.”. Heute engagieren sich dort Menschen aus Sozialarbeit, Wissenschaft, Politik, Kultur und Sport. Zum Vorstand gehören unter anderem die Einsamkeitsforscherin Prof. Dr. Maike Luhmann und der langjährige VfL-Kapitän Anthony Losilla.

Der Name ist gleichzeitig ein Aufruf: “Bochum, vereint euch!” Einsamkeit soll nicht als persönliches Versagen gelten. Der Verein sieht sie als Aufgabe der Stadtgesellschaft. Diese Haltung zeigt auch eine T-Shirt-Aktion. Auf den Shirts steht „Bochum“ in sieben Sprachen, die in der Stadt häufig gesprochen werden. Wer von Bochum spricht, soll alle meinen, die hier zu Hause sind.

Eine U-Bahn wird zum Begegnungsort

Mit der Zeit entstehen größere Aktionen. Eine davon verwandelt die U35 in einen rollenden Gesprächsraum. Die Bahn verbindet Hochschulen, Wohnviertel und Verkehrsknotenpunkte. Täglich sitzen hier Menschen dicht nebeneinander – und bleiben sich fremd.

“Vereint Bochum e. V.” dreht die Situation für einen Abend um. In acht Fahrten steigen an verschiedenen Haltestellen immer neue Menschen ein. Gesprächsimpulse helfen beim Kennenlernen. Bei der ersten Ausgabe nahmen rund 700 Menschen teil. „Es war einer der schönsten Abende, die wir mit unserem Verein auf die Beine stellen konnten“, erzählt Kramer.

Partnerschaften und Grenzen

Der Verein besitzt keine eigenen Räume und ist auf starke Partner angewiesen, damit alle Angebote kostenlos bleiben. Das ehrenamtliche Team entwickelt, organisiert und betreut Veranstaltungen, gewinnt Unterstützende, kümmert sich um geeignete Räume und wirbt Mittel zur Finanzierung ein. Bekannt gemacht werden die Angebote über soziale Medien und ein stetig wachsendes Netzwerk.

Mit der selbst initiierten „Bochumer Verabredung“ bringt der Verein zudem zahlreiche Institutionen zusammen, um Einsamkeit als gesamtstädtische Aufgabe anzugehen und dauerhaft mehr Verbundenheit in Bochum zu schaffen.

Von Bochum aus weiterdenken

“Vereint Bochum e. V.” will Spaziergänge, Gesprächsrunden und große Aktionen fortsetzen. Zugleich sollen die Angebote wissenschaftlich begleitet werden, um herauszufinden, welche Formate besonders gut wirken und wie sie sich auf andere Orte übertragen lassen. Vor allem in Schulen und im Jugendsport will der Verein frühzeitig ansetzen und Gespräche über Einsamkeit und seelische Belastungen anstoßen. 

Die Nominierung für den Engagementpreis NRW 2026 ist für das Team eine große Anerkennung. Sie zeigt, dass die ehrenamtliche Arbeit gesehen wird und Einsamkeit als gesellschaftliche Aufgabe ernst genommen wird. Bei der Auszeichnung mit dem Engagementpreis 2026 soll das Preisgeld in den Ausbau der Strukturen fließen. So können aus Begegnungen dauerhaft neue Verbindungen entstehen.