"Gemeinsam aus der Einsamkeit" – wie First Gen Aachen Brücken baut

"Gemeinsam aus der Einsamkeit" – wie First Gen Aachen Brücken baut

Engagement des Monats Januar 2026

Studierende gehören zu den am stärksten von Einsamkeit Betroffenen: Rund ein Drittel nennt sie als Belastung. First Generation Aachen e.V. zeigt, wie Begegnung, Bewegung und Verbindung diesem Gefühl wirksam entgegenwirken – besonders für Studierende ohne akademisches Elternhaus. Ziel ist es, Barrieren abzubauen, Chancengleichheit zu schaffen und Aufwärtsmobilität zu ermöglichen. Kern ist ein strukturiertes Mentoring-Programm, das nicht nur Orientierung gibt, sondern auch den Aufbau eines stabilen Netzwerks fördert. Persönliche Begegnungen, handlungsorientierte Befähigung und eine wachsende Community eröffnen den Weg aus der Isolation – semesterübergreifend und nachhaltig.

Ein Verein gegen Unsichtbarkeit

Der Billardtisch ist besetzt. Zwei Studierende stoßen die Kugeln an, andere lachen mit einer Cola in der Hand. Kein typischer Hochschulabend – aber genau das ist es für First Generation Aachen: ein Treffen unter Gleichgesinnten. Zwischen Austausch und informeller Beratung entsteht hier etwas, das viele dringend brauchen: Zugehörigkeit, Orientierung – und das Gefühl, nicht allein zu sein.

First Generation Aachen – kurz „First Gen“ – wurde 2020 gegründet, um Studierende zu unterstützen, die als Erste in ihrer Familie studieren. „Wenn deine Eltern in einem Restaurant arbeiten, fehlt dir das akademische Vorbild. Dann ist die Entscheidung zu studieren ein riesiger Schritt“, sagt Jean-Pierre Poc, Vorstandsvorsitzender des Vereins.

Genau da setzt First Gen an – mit Mentoring, Workshops und Austauschformaten, die junge Menschen auf ihrem Weg durchs Studium begleiten und stärken.

Mentoring, das den Unterschied macht

Kernstück des Vereins ist das Mentoring-Programm. Studierende, die selbst schon einige Semester hinter sich haben, begleiten jüngere First-Gens beim Studienstart. Das Besondere: Das Matching erfolgt nicht zufällig, sondern anhand eines Fragebogens. Rund 40 bis 45 Mentor:innen engagieren sich ehrenamtlich – sie helfen bei Prüfungen, Studienorganisation oder einfach dabei, sich im Uni-Alltag zurechtzufinden.

Workshops, die weiterbringen – und auffangen

Neben dem Mentoring bietet der Verein regelmäßig Workshops an – praxisnah, bedarfsorientiert, oft von Studierenden für Studierende unter Einbindung von Expertinnen und Experten. Die Formate decken zentrale Fragen rund ums Studium ab und bieten Raum für persönliche Geschichten.

Einer der bewegendsten Momente für Jean-Pierre Poc: Eine alleinerziehende werdende Mutter, die sich im Workshop fragte, wie sie Studium und Familienleben überhaupt schaffen soll. „Wir haben uns in der Runde Zeit genommen, gemeinsam überlegt, wie das gehen kann. Das war sehr emotional – und zeigt, was unsere Arbeit leisten kann.“

Erfolgsgeschichten, die bleiben

Die Wirkung des Projekts zeigt sich nicht in Zahlen – sondern in Geschichten. Etwa in der von Jean-Pierre Poc. Aufgewachsen ohne akademisches Vorbild, entschied er sich trotz Widerständen fürs Studium. Heute promoviert er. „Zu Hause fragte man mich nur, wann ich endlich fertig bin und Geld verdiene. Aber niemand konnte mir helfen, wenn es in schwierigen Studienphasen hakte. Diese Lücke will ich heute für andere füllen.“

Ohne das breite Engagement im Hintergrund wäre all das nicht möglich – vom Organisationsteam über die Mentorinnen und Mentoren bis hin zu Unterstützenden aus der Professorenschaft, die dem Verein den Rücken stärken.

First Generation Aachen ist bewusst lokal verankert – kooperiert eng mit der RWTH, der Fachhochschule Aachen und lokalen Partnern wie der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen. Die Professorenschaft steht hinter dem Projekt: Die Schirmherrschaft haben der Rektor der RWTH, die Prorektorin der FH und die institutsleitende Professorin des Lehrstuhls für Arbeitswissenschaft an der RWTH übernommen. 

Ein Stipendium aus eigener Kraft

Das aktuelle Herzensprojekt ist ein eigenes Stipendium – vollständig aus Eigenmitteln finanziert, etwa durch Alumni-Beiträge von ehemaligen Mitgliedern. „Viele zahlen freiwillig weiter, weil sie das Projekt so wertvoll finden“, erklärt Jander. Zwei Studierende sollen damit im ersten Jahr gefördert werden – sechs Monate lang mit 300 Euro monatlich. „Das klingt wenig – aber für viele bedeutet es eine große Entlastung.“

Herausforderungen: viel Arbeit, wenig Zeit

Wie viele ehrenamtliche Projekte steht auch First Generation Aachen vor dem Problem: Es gibt mehr Ideen als Hände. Das zehnköpfige Organisationsteam organisiert alles neben dem Studium – von Workshops über Social Media bis zur Finanzierung.

Trotz der Belastung bleibt der Antrieb stark: „Wir geben etwas zurück – an eine Gesellschaft, die uns Chancen eröffnet hat. Das ist es wert.“

Was die Nominierung bedeutet

Die Nominierung für den Engagementpreis NRW 2026 ist für das Team eine große Anerkennung – und wertvolle Sichtbarkeit. „Wir wünschen uns, dass mehr Menschen erfahren, dass es uns gibt“, sagt Jander. Die 1.000 Euro fließen direkt in das Stipendienprojekt. „Zwei Plätze sind zu wenig. Es gibt so viele, die Hilfe brauchen. Und jede Unterstützung hilft uns, mehr davon zu erreichen. Das geht nicht in unsere Taschen“, betont Jander. „Das geht direkt an die, die es am meisten brauchen.“