Bewegung, die verbindet – der Mehrgenerationen-Sportplatz Würgendorf

Bewegung, die verbindet – der Mehrgenerationen-Sportplatz Würgendorf

Engagement des Monats Juni 2026

Ein alter Ascheplatz, ein aufgelöster Fußballverein und ein Dorf, das seinen Sportplatz nicht aufgeben will: In Würgendorf ist daraus ein Ort entstanden, an dem Kinder kicken, Seniorinnen und Senioren Boule spielen, Jugendliche schaukeln, Eltern zusammensitzen und Menschen ohne Vereinszwang ins Gespräch kommen. Der Mehrgenerationen-Sportplatz zeigt, wie Bewegung gegen Einsamkeit wirken kann – offen, unkompliziert und mitten aus dem Dorf heraus.

Auf dem Kunstrasen springt ein Ball gegen die Bande. Kinder lachen, wechseln die Teams. Nebenan rollen Boulekugeln über den Boden. Auf einer Bank schauen Eltern zur großen Schaukel hinüber. Wer hier ankommt, merkt schnell: Dieser Platz gehört allen.

Aus einem alten Platz wird eine Dorfidee

Matthias Moos ist erster Vorsitzender des Fördervereins Mehrgenerationen Sportplatz Würgendorf e.V. und seit vielen Jahren Ortsvorsteher. 2018 begann das Projekt mit einer kleinen Gruppe. Der alte Fußballplatz wurde nicht mehr gebraucht, weil es keinen eigenen Fußballverein im Ort mehr gab. Es gab Überlegungen, dort ein Baugebiet oder Tiny-Häuser entstehen zu lassen. In Würgendorf wollte man das nicht. „Wir wollten diesen Platz unbedingt erhalten und zu einem Treffpunkt für Groß und Klein machen“, sagt Moos.

Der Platz liegt zwischen Würgendorf und Wasserscheide. Rund 1.550 Menschen leben dort, der nächste größere Ort ist Burbach. Für Kinder heißt das: Wer im Verein Fußball spielen will, muss mehrere Kilometer fahren. Gleichzeitig wurde der alte Platz weiter genutzt: Kinder kickten zwischen den Toren, Menschen liefen ihre Runden auf der 400-Meter-Bahn. „Es war ganz klar: dieser Platz wird genutzt“, erinnert sich Moos.

So wuchs die Idee: Nicht nur ein Fußballfeld sollte entstehen, nicht nur ein Spielplatz, sondern ein Ort für alle Generationen.

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01:38 Minuten

Planen, beantragen, anpacken

Zweimal lud die Gruppe zu Bürgerversammlungen ins Dorfgemeinschaftshaus ein. Viele kamen und brachten Ideen mit. 2018 gründeten sieben Menschen den Förderverein und es wurden erste Fördermittel beantragt. Die erste große Unterstützung erfolgte durch das europäische LEADER-Programm und umfasste rund 100.000 Euro. Den Eigenanteil stemmte der Verein mit Eigenleistung, Spenden und Unterstützung aus dem Ort.

2020 war der erste große Abschnitt fertig: ein Kleinspielfeld mit Kunstrasen, eine Seilbahn, Fitnessgeräte und Spielgeräte für Kinder. Später folgten Boulebahnen, eine Edelstahlrutsche, Basketballkörbe, ein Klettergerüst, Sitzgruppen aus recyceltem Kunststoff und eine Dirt-Sprungbahn. 

Diese spezielle Geländestrecke aus Erde, auf der Radsportler Sprünge und Tricks ausführen, besteht aus verschiedenen Hindernissen wie aneinandergereihten Erdhügeln, Steilkurven und Absprüngen und ist in Zusammenarbeit mit einem Würgendorfer Bürger entstanden, der diesen Sport selbst halbprofessionell betreibt. Der Dirt-Park wird durch die Jugendlichen sehr stark genutzt und mittlerweile komplett von ihnen unterhalten und gepflegt.

Ein Treffpunkt in schwieriger Zeit

Die geplante Eröffnungsfeier fiel aus. Erst gab es Verzögerungen, dann kam Corona. Doch gerade in dieser Zeit zeigte sich, wie wertvoll der Platz war. Draußen konnten die Menschen sich bewegen, Abstand halten und trotzdem nicht allein sein. Fußballvereine aus der Umgebung kamen, weil ihr Training nicht möglich war. Kinder aus verschiedenen Gruppen spielten nacheinander oder miteinander. Manchmal wurde geregelt: zehn Minuten ihr, zehn Minuten wir. So entstand Begegnung fast nebenbei.

Besonders sichtbar ist das bei den Boulebahnen. Heute treffen sich dort regelmäßig ältere Menschen, von denen einige vorher in keinem Verein aktiv waren. Auf dem Platz fanden sie Gleichaltrige, Gesprächspartner und neue Bekanntschaften. Aus der lockeren Runde wurde sogar eine Gruppe, die gemeinsam einen Tagesausflug machte. Für Moos ist das ein klarer Erfolg: „Da hat der Platz schon viel bewirkt.“

Ohne Anmeldung, ohne Vereinszwang

Der Platz ist öffentlich zugänglich. Es gibt kein Buchungssystem und keine geschlossenen Vereinszeiten. Wer kommt, kann ihn nutzen. Man muss sich nicht anmelden, keine Beiträge zahlen und nicht erst dazugehören. Man kann einfach da sein.

Das hilft auch Menschen mit Migrationsgeschichte. Zeitweise kamen Bewohner aus dem benachbarten Hessen zu Fuß nach Würgendorf, weil sie gehört hatten, dass man dort Sport machen kann. Beim Fußball zählte nicht die Herkunft, sondern der Ball. Mannschaften mischten sich, Menschen kamen ins Gespräch.

Viele Gruppen, ein gemeinsamer Platz

Auf dem Gelände passiert heute viel. Die Grundschulen nutzen den Platz für die Bundesjugendspiele. Eine Leichtathletikgruppe aus einem Nachbardorf trainiert dort im Sommer. Die Jugendfeuerwehr kommt für Spiel, Spaß und Übungen. Der Heimatverein organisiert Fußball-Dorfmeisterschaften.

Auch das alte Sportheim hat ein neues Leben bekommen. Der Verein Metal-Stammtisch e.V. nutzt es. Ehemalige Kabinen wurden zu Proberäumen für Metal-Bands umgebaut. Ein- bis zweimal im Jahr finden Open-Air-Konzerte statt. Dann zeigt der Platz eine weitere Seite.

Ein Dorf packt mit an

Der Mehrgenerationen-Sportplatz hat auch das Dorf verändert. Beim Bau halfen Menschen mit, die vorher in keinem Verein aktiv waren. Besonders junge Eltern packten an, weil sie sahen, dass hier etwas für ihre Kinder entsteht. Manche traten danach in den Förderverein ein. Auch bei Dorffesten und Arbeitseinsätzen tauchen helfende Hände auf. „Wir haben gesehen, dass durch die gemeinsame Arbeit an einem Projekt die Gemeinschaft im Ort gewachsen ist“, sagt Moos.

Der Förderverein Mehrgenerationen Sportplatz Würgendorf e.V. hat einen einzigen Zweck:  Er organisiert, pflegt, beantragt Fördermittel, sammelt Spenden und entwickelt den Platz weiter. Unterstützung kommt von Gemeinde, Bauhof, Feuerwehr, Heimatverein, Metal-Stammtisch, Jagdgenossenschaft, Unternehmen, Sparkassenstiftung und Erlösen aus Dorffesten.

Mehr Schatten, mehr Grün, mehr Zukunft

Trotz der Erfolge bleibt vieles herausfordernd. Spielgeräte kosten viel Geld. Ein neuer Basketballplatz mit Unterbau, Tartanbelag und Zäunen würde nach ersten Angeboten 50.000 bis 70.000 Euro kosten.

Außerdem fehlt auf dem Gelände Schatten. Gerade im Sommer brauchen Kinder, Eltern und die Boulegruppe Plätze zum Durchatmen. Deshalb plant der Verein Bäume und Rasenflächen zwischen den Geräten. Auch an die Zukunft denkt der Vorstand: Einige Jugendliche waren bereits bei der Jahreshauptversammlung, Moos kann sich eine Art Jugendvorstand vorstellen.

Ein Modell aus dem Dorf heraus

Was in Würgendorf entstanden ist, lässt sich auf andere Orte übertragen. Entscheidend ist, dass die Idee aus dem Dorf selbst kommt. Wer selbst baut, nutzt den Ort später anders. Wer mitplant, fühlt sich verantwortlich.

Die 1.000 Euro für die Nominierung zum Engagementpreis NRW 2026 fließen in die nächsten Vorhaben. Auch ein mögliches Preisgeld würde in den Basketballplatz und die weitere Entwicklung des Geländes gehen.

Der Mehrgenerationen-Sportplatz Würgendorf zeigt, wie einfach Begegnung beginnen kann: mit einem Ball, einer Boulekugel, einer Schaukel oder einer Bank im Schatten. Aus Bewegung wird Gespräch. Aus Gespräch wird Gemeinschaft. Und aus einem alten Sportplatz wird ein Ort gegen Einsamkeit.